Selbstmord

Fritz!Box 7362SL nackich – minus ein Elko 1000µF / 16V

Das geht so nicht. Die Erkenntnis ist nicht neu, aber im Moment trifft sie mich mal wieder mit ziemlichem Nachdruck: Ein radikales Umdenken tut Not, auch bei der Art und Weise, wie wir Produkte entwickeln.

Das da oben ist sind die Eingeweide meiner guten alten Fritz!Box, die mich seit dem Beginn des VDSL-Zeitalters absolut anstandslos mit dem Internet verbunden hat. Jetzt nicht mehr. Stille. Komplette Dunkelheit. Vielleicht das Netzteil? Nein, das funktioniert ausgezeichnet. Das Problem lässt sich am 12-Volt-Eingang der Box messen, da herrscht nämlich ein satter Kurzschluss. Was macht der Frickler von Welt mit Ingenieurs-Background? Natürlich den Deckel ab – das kann ja wohl nicht so schwer zu finden sein…

Ist es aber doch. Ich hab ein paar Elkos ausgelötet und nachgemessen, die direkt über der Eingangsspannung sitzen, die sind okay. Schaltregler, die aus besagten 12V die für die Technik verträgliche 5 oder 3,3V generieren, konnte ich nicht sicher ausmachen. Kurz gesagt – das kannste knicken.

Das Ableben meines Routers für sich alleine betrachtet ist nun nicht das größte Problem auf der Welt, aber: Der eigentlich nagelneue wegen Vertragsverlängerung geschenkte Gaul (aka neue Fritz!Box) erwies sich als ebenfalls nicht funktionstüchtig, wie der freundliche Mitarbeiter meines Providers am anderen Ende der Telefonleitung zähneknirschend zugeben musste, bevor er den Versand eines neuen Gerätes in Auftrag gab. Das nagelneu defekte Gerät wollte er nicht zurückhaben – was uns etwas über den Wert eines so hochwertigen und komplexen Produktes sagen will.

Auch das ist nun noch nicht so schlimm, aber jetzt habe ich zwei kaputte Fritzboxen auf den kaputten Laserdrucker gestellt, der eigentlich perfekt funktionieren würde, wenn nicht neulich sein USB-Eingang das Zeitliche gesegnet hätte. Wofür der sich mit einem Knall verabschiedende USB-Hub verantwortlich war – der hat den Datenanschluss des Druckers mit ins Verderben gerissen – was natürlich kein Problem wäre, wenn man einfach die für wenige Euro erhältliche Eingangsplatine wechseln könnte. Richtig, das ist natürlich blühende Phantasie.

Anderthalb Tage später (Kompliment dafür) hatte ich einen brandneuen Router, der – richtig: nicht korrekt funktionierte. Dachte ich zumindest. Das stellte sich aber als falsch heraus, zur Abwechslung war nämlich der angeschlossene Netzwerk-Switch defekt. Nach dessen Austausch bin ich computerös nun endlich wieder voll operabel, blicke allerdings auf einen Haufen mit fünf defekten mehr oder weniger topmodernen High-Tech-Erzeugnissen – bei jedem ist nur eine winzige Kleinigkeit kaputt.

Niemand wir je einen Versuch unternehmen, da wieder etwas Funktionstüchtiges draus zu machen. Vielmehr werden wir das Zeug vermutlich staatlich subventioniert nach Westafrika verschiffen, wo die Ärmsten der Armen zusehen dürfen, wie sie das Kupfer aus den Kabeln gebrutzelt und die Plastikgehäuse so klein geschreddert kriegen, dass das Zeug im Ozean erst später auffällt.

Das geht so nicht weiter.

Mit ist klar, das technische Produkte heutzutage einen Grad an Komplexität erreicht haben, der sie de facto irreparabel macht. Das muss so sein, sonst wären die lächerlich geringen Preise für irgendwas mit ein paar Millionen oder Milliarden Transistorfunktionen nicht zu machen. Und genau da ist das Problem: Die Zeche dafür zahlt der Planet mit radikal schwindenden Ressourcen und die Menschheit, weil sie sich selbst zu Tode müllt. Von der sattsam bekannten Klimadiskussion mal ganz zu schweigen.

Für mich steht jedenfalls unverrückbar fest, dass es ohne einen radikalen Schwenk in Richtung Nachhaltigkeit bei der Produktentwicklung nicht geht. Vermutlich muss das eine drastische Verlangsamung der so genannten technischen Innovation nach sich ziehen, weil’s sonst nicht geht.

Wie ich neulich schon mal in einem LP-Editorial schrieb: Es ist überhaupt kein Problem, heutzutage ein 40 Jahre altes HiFi-Gerät zu reparieren und damit herrlich und in Freuden Musik zu hören.

Versuchen Sie das mal in nur zehn Jahren mit einem Netzwerk-Streamer von heute.

8 Gedanken zu „Selbstmord

  1. Stephan Götze

    Hallo Holger!
    Sehr guter Beitrag und ich stimme Dir voll und ganz zu! Was Du beschrieben hast, sind ja eher „preisgünstige“ Gerätschaften. Die prinzipiell gleichen Tendenzen gibt es leider auch bei sehr kostspieligen Geräten!
    Mein Fachgebiet ist ja die Messtechnik. Was sich dort so an Entwicklungen abzeichnet finde ich erschreckend! Solide Geräte aus den 70ern und 80ern funktionieren oft heute noch und sind reparabel! Die Messgenauigkeit dieser Geräte beruht auf Abstimmung und guter Hardware.
    Neuere Geräte haben Unmengen an Korrekturdaten abgespeichert und sind auf dem Papier „genauer“ – haben aber weniger stabile oder genaue Bauteile verbaut, „driften“ also über die Jahre.
    Reparieren geht kaum noch – z.B. auch weil keine Schaltunterlagen mehr erhältlich sind (früher waren die beim Gerät dabei). Vieles ist auch konstruktiv so ausgelegt, dass es nur 5 Jahre oder mit Glück ein wenig länger hält. Bei Gehäusen wird natürlich auch gespart – gekantetes Aluminium, statt solide Profile…Wenn man sich auf ein neues Oszilloskop stellt, ist es Bruch, ein älteres Gerät kann das problemlos ab!
    Was in dem Zusammenhang auch interessant ist: Kauft man z.B. ein Oszilloskop in der Grundausstattung kostet es € 12.900.- Dann gibt es diverse Hard- und Software-Optionen, die alle schon im Gerät vorhanden sind…Schaltet man alle frei, kostet das selbe Gerät rund € 60.000.-! Bin mal gespannt, wann die ersten Audio-Hersteller auf solche Ideen kommen…Oder Software nur „mieten“….
    Es ist also nicht nur ein Problem der Nachhaltigkeit, sondern auch der Qualität.
    Du hast völlig Recht! Es sollte sich Einiges sehr ändern!

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    1. hb Beitragsautor

      Danke Stephan,
      guter und richtiger Punkt, den du da ansprichst. Will sagen: Die Ressourcen sind für die Produktion des Neugerätes bereits verbraten, aber es hat ABSOLUT NIEMAND was davon, weil der Käufer die entsprechende Option nicht bezahlt hat. Das ist in der Tat an Perversion kaum noch zu überbieten.
      Übrigens ist es nicht so, dass noch kein Audio-Hersteller auf so eine – oder zumindest artverwandte – glorreiche Idee verfallen wäre: Sonos zum Beispiel hat komplette Gerätegenerationen „kaputtgeschrieben“, weil man lieber Neugeräte verkauft als Software upzudaten.
      Geht überhaupt nicht, sowas.

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      1. Matthias+

        …bei Elektroautos zeichnet sich so etwas gerade ab. Beispielsweise Tesla: Autopilot wir für viel Geld nachträglich aktiviert oder vorhandene Akkukapazität wird nachträglich einfach freigeschaltet…

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    2. Mathias

      Hallo Stephan,

      ähnliches gibt es, oder gab es zumindest mal, im Bereich der Server für den Unternehmensbetrieb. Da stehen dann voll ausgerüstete Mietmaschinen irgendwo in Rechenzentren rum bei denen man auf kurze oder längere Dauer Prozessorkerne und Hauptspeicher zum eigentlichen Mietpaket mit dazubuchen kann. Sobald sich der kurzfristige Mehrbedarf an Leistung im Rahmen von z.B. Jahresabschlüssen oder Softwaremigrationen erledigt hat kann man dann einfach Teile des Systems wieder deaktivieren lassen.

      Bei einer schnellen Suche habe ich solche Angebote nicht direkt finden können. Es kann unter Umständen so sein, dass diese Praxis durch die Entwicklungen im Bereich des Virtual Computing leicht entzerrt wurde.

      Vielen Dank für die Einblicke zum Thema Messtechnik. Das hätte ich so nicht erwartet und es macht mich leicht sprachlos.

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  2. Otto Normahl

    Ach ja, das Good-Old-HiFi… Ich freue mich so ein altes Schätzchen (wie z.B. letztens einen Arcam Alpha II) zu öffnen. Der Schaltplan ist den mit der Hand gezogenen Leiterbahnen abzulesen. Zack ist der Übertäter gefunden (in diesem Fall ein korrodierter Tape-Monitor-Schalter). Etwas Zeit später spielt das Teil wie zu seiner Herstellungszeiten. Probieren Sie das mal mit den heutigen PWM-gesteuerten Schaltverstärkern… Diese sind bereits nach spätestens 5 Jahren an der geplanten Obszoleszenz gestorbern oder nennt sich sowas mittlerweile Fortschritt?
    Ich hoffe die Generation „Greta“ findet irgendwann heraus, dass langlebige Geräte besser für die Umwelt sind.

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  3. Schrotter Hannes

    Dazu fällt mir mein Audi 90 Baujahr 88 mit 340000 km am Tacho ein.
    Der hatte trotz 2,3 Liter Fünfzylinder und Qattro einen Verbrauch von 8 Litern.
    Ein 136 Ps Benziner mit Allrad braucht heute noch gleich viel.
    Der ganze technische Fortschritt alles Lug und Trug.
    Qualität ist nicht mehr kann ich aus Erfahrung sagen nach 25 Jahren in der Automatisierungstechnik.
    Es kotzt mich einfach nur an Geräte nach der Garantie entsorgen zu müssen weil viel länger haltet das zeug nicht.
    Genug geärgert wieder mal : (
    Grüsse Hannes Schrotter

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  4. Joachim Herbert

    Nicht wirklich. Versuchen Sie Mal, mit einem 40 Jahre alten Receiver zu streamen. Ach, geht nicht?

    Mein erster Käfer wollte nicht nur alle 5000 Kilometer frisches Öl, er gönnte sich auch 12 bis 13 Liter normal auf 100 Kilometer und musste abgeschmiert werden. Dafür könnte man ihn auch selbst reparieren, wenn man das konnte.

    Die uberaus meisten Handys sterben an Displaybruch oder werden mangels Fähigkeiten aufs Altenteil geschickt, womit wir fast bei Ihrer Fritzbox sind. Diese Teile sind auch für fünf bis acht Jahre Nutzung gut, und in diesem Zeitraum tut sich in der Regel technisch so viel, dass ein Austausch sinnvoll ist.

    Wer außerdem könnte eine Reparatur bezahlen? Eine Stunde wenigstens zu mindestens 60 Euro plus Ersatzteile, Versand hin und zurück oder die Zeit für abholen und bringen.

    Und dann nachhaltige Entwicklung: ich kann heute nicht den zukünftigen technischen Stand einbauen. Ich kann den Entwicklungsstand einfrieren und alle 3 bis 5 Jahre einen Rollout machen (Automobilindustrie), aber dann ist die Technik schon zur Auslieferung veraltet.

    Und so weiter.

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    1. hb Beitragsautor

      1. Ich halte das System „Streaming“ für einen Irrweg auf Kosten der Musiker. Von daher kann ich damit leben, wenn eine Komponente das nicht kann.

      2. Die Gesamt-Ökobilanz eines Käfers seinerzeit war um Welten besser als die eines modernen Autos, auch wenn er satt Sprit verbraucht hat.

      3. Displays bei Smartphones kann man tauschen – tatsächlich ist das eines der ganz wenigen Dinge, die bei moderner Elektronik noch reparabel sind. Richtig ist, dass die meisten dieser Geräte ausgemustert werden, weil sie technisch überholt sind. Genau da steckt ein großer Teil des Problems: Der vermeintliche Zwang zum Update auf die neueste Generation wird immer größer.

      4. Wer so eine Reparatur bezahlen soll? Würden die dazugehörigen Produkte angemessen viel Geld kosten, würde sich das Reparieren lohnen. Tun sie aber nicht.

      5. „Veraltete Technik“ ist ein sehr relativer Begriff. „Fortschritt“ in der heutigen Zeit ist in vielen Fällen nichts anderes als „Convenience“ – Faulheit siegt. Echte Innovation gibt’s viel zu selten.

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