Ehre, wem Ehre gebührt

Ella ist ein von der Anmutung her erst einmal unspektakulärer Zweiwegelautsprecher, für dessen Realisation man mit 3500 Euro Materialpreis rechnen muss. Vielleicht sollte ich noch ein paar Dinge dazu sagen

Ella im Spielzimmer des Autors

Ja. Schon klar. Ein Achtzöller und ein Gewebekalöttchen für zusammen einsfünf. Pro Seite natürlich. Das mag so gut sein wie es will, aber es ist auch verdammt nochmal drecksteuer. Und sowas fang‘ ich doch nicht an, wenn ich mir das vorher noch nicht mal irgendwo anhören kann – das ist doch wohl logisch.

Da hammse ja Recht. Das mit dem Anhören ist ein Problem, weil sich die Anzahl der Händler, die ein Paar solcher Dinger bauen und sich in ihren Laden stellen werden, ungefähr bei null liegen dürfte. Was an der Anzahl von verbliebenen dafür in Frage kommenden Händlern und an der möglichen Rendite liegt, die sich vermutlich damit erzielen ließe. Bleibt also unser Paar. Das wird’s natürlich bei den kommenden Klang + Ton-Hörtests auf die Ohren geben – wenn’s denn mal wieder Hörtests gibt. Oder… weiß ich noch nicht. Erstmal muss sowieso dieses Virendrama weg, sonst geht sowieso nix.

Wenn ich den Stimmen im Netz zur Ella so lausche muss ich zugeben, dass ich vermutlich einen Fehler gemacht habe: Ich hätt‘ die Kisten nicht aus MDF bauen sollen. Aber es war halt da und in unserer Holzkasse war gerade nicht genug drin, um 20er oder 25er Buchenmultiplex zu kaufen. Oder Baubuche. Nachdem ich jetzt jahrzehntelang gepredigt habe, dass MDF nun wirklich nicht der größte Hit beim Boxenbau ist, scheint die Botschaft endlich eingesunken zu sein und deshalb bin ich jetzt mit der Ella der Dumme. Aber sie klingt trotzdem fantastisch. Echt jetzt.

Ella-Gehäuse im Rohbau. Man beachte die beiden U-Versteifungen, die nicht ganz bis zur Schallwand gehen

Der in der Bauanleitung in der K+T abgebildete Zustand ist natürlich nicht der finale, ich hab‘ den Gehäusen im Anschluss schon noch ein bisschen Nacharbeit angedeihen lassen.

Ella „vorher“

Was sich übrigens als gar nicht so ganz einfach herausgestellt hat. Das liegt an an den magnetisch gehaltenen Ringen, die den Ellipticor-Treibern ihren schönen cleanen Look verleihen.

Alles super – bis man die Treiber wieder ausbauen muss. In meinem Fall kamen zwei Umstände zum Tragen: Einerseits neige ich dazu, Einfräsungen relativ knapp auszuführen. Ich mag einfach keine Fugen rund um die Chassis. Zum Zweiten habe ich die Treiber nicht exakt genug zentriert in ihre Einbauöffnungen geschraubt. Das hatte zur Folge, dass ich die Magnetringe zwar ohne größere Probleme drauf, aber ums Verrecken nicht wieder runter bekommen habe. Das ging nur mit ein bisschen Vorrichtungsbau und doppelseitigem Klebeband:

Hochtöner-Ausbauhilfe
Hat funktioniert
Für den Tieftöner durfte es etwas weniger Aufwand sein

Der Trick besteht in jedem Fall darin, dass man die Ringe erst ein Stück verdrehen muss, bis die korrespondierenden Haltemagneten nicht mehr übereinanderliegen. Erst dann kann man die Zierringe ohne größeren Kraftaufwand entfernen. Verdrehen ist aber schwierig, wenn die Ringe klemmen. Deshalb brauchte es „Verdreh- und Herausziehwerkzeuge“. Siehe oben.

Mal kurz was zu den Ständern. Geschweißte Stahlkonstruktionen aus 20x20x2 mm Quadratrohr. Hat ziemlich gut funktioniert, man muss halt nur auf den Schweißverzug achten und sich vorher überlegen, wie man in welcher Reihenfolge heftet.

Rohmaterial nach dem Zuschnitt. Bandsäge hilft, Flex geht aber auch
Die vier Rahmen sind sogar ziemlich winklig und gleich

Alles super, bis ich die Ergebnisse lackierte. Mein Lieblings-Lackdealer hat mir nämlich diesmal ne Dose Kaputtes geschickt. Feiner Einkomponenten-Kunstharzlack aus deutscher Fertigung. Nehme ich seit Jahren, ich liebe das Zeug. Nur dieses Mal isses schiefgegangen. Der Kram ist jetzt… zwei Monate oder so da drauf und immer noch nicht durchgetrocknet. Super.

Warten. Und warten. Und warten. Tatsächlich warte ich immer noch darauf, dass der Lack hart wird

Da hatte ich wenigstens genug Zeit, den Gehäusen wenigstens ein bisschen so etwas wie Finish angedeihen zu lassen. Außerdem habe ich an die Stoßkanten zwischen den (aufgesetzten) Schall- und Rückwänden Schattenfugen gefräst, so tut der Übergang wenigstens nicht ganz so weh.

Oberflächenbehandlung: Schnellschliffgrund von Clou; zwei Aufträge mit Zwischenschliff. Wird knüppelhart und taugt mbMn definitiv als provisorische Oberfläche. Das Bild hier ist nach dem ersten Auftrag entstanden, deshalb die Fehlstellen:

Gehäuse nach dem ersten Clou 300-Auftrag

Zeit, ein etwas dauerhafteres Paar Frequenzweichen als unsere Entwicklungsmuster zu bauen. Da ich die „Entwicklungsteilekisten“ nicht zu gnadenlos räubern wollte, musste ich an der einen oder anderen Stelle etwas improvisieren. Das Ergebnis sieht so aus:

Ellas Frequenzweichen. Genau so schwierig nachzubauen. Und natürlich sind das in den Spulen Edelstahlschrauben

Daran gibt’s n paar Besonderheiten: Da wären erst einmal die 5,6-Ohm-Widerstände, die bei mir 6,0 Ohm haben und aus je zwölf hermetisch gekapselten sowjetischen Millitär-Präzisions-Zwei-Ohm-Typen bestehen. Mit nur unter viel Fluchen lötbaren Edelstahl-Anschlussdrähten. Aber dem exotischen Hochtöner irgendwie angemessen.

Auch bei den Kondensatoren musste ich auf das zurückgreifen, was so greifbar war. Und natürlich gab’s auch da ein bisschen was aus dem ehemaligen Osten. Eine gerne genommene Tuning-Maßnahme für solche Fälle: Das Parallelschalten von kleinen „Shunt“-Kapazitäten. Ich hab‘ da noch ne Schachtel mit K40Y9 in 10 nF aus der Zeit, als man die noch bezahlen konnte. Die Drosseln sind natürlich ordnungsgemäß zueinander verdreht angeordnet.

So behandelt und bestückt, residieren die beiden Ellas nunmehr in meiner Kemenate. Und haben erst einmal sowohl „die Dicken“ als auch meine Mini-Onken-/Focal-/Klug-808-/JBL-Kombi verdrängt (über die auch mal dringend ne Geschichte machen muss, ich weiß).

Ella, Röhren-SymAsym, Accuphase E-800

Und vermutlich waren entweder die Boxen noch nicht soweit, als ich den Hörtest für den Klang + Ton-Artikel geschrieben hatte oder ich war ein bisschen unterkoffeiniert, das kriege ich nicht mehr so zusammen. Irgendwas jedoch scheint mir entgangen zu sein.

Das hier, liebe Leute, das zählt ganz definitiv zu den allerbesten Dingern, die wir in den letzten 16 Jahren Klang + Ton gebaut haben. Ach was – zu den besten Lautsprechern, die in all der Zeit im Verlagshörraum gestanden haben.

Die einzigen Probleme dieses Lautsprechers sind die, dass die für mich zu klein und weder ein Horn noch ein Druckkammertreiber auszumachen sind. Wenn ich darüber mal großzügig hinwegsehe, was Anderes als ne kleine Single–Ended-Röhre dranstöpsele und in Sachen Pegel ein rudimentäres Maß von Vernunft walten lasse, dann sind das die geilsten Dosen ever.

Der entzückende Rücken

Da wäre zunächst der Bass, der sich in seiner Nicht-Bassreflexhaftigkeit zum überzeugten Botschafter seines Funktionprinzips macht und weit vom berüchtigten Single-Note-Gewummere entfernt ist. Und zudem ordentlich Substanz und Farbe hat. Überhaupt, Farbe: Ella ist in ihrer Ausdrucksfähigkeit extrem wandelbar: Sie kann von schönfärberisch bis superdröge und lässt immer extrem tief auf den Grund des Geschehens blicken.

Beim Hochtöner war ich mir bisher nicht so ganz sicher. Den haben wir ja geradewegs aus der Laniakea ausgebaut (wer hat schon zwei Paar von sowas…) und bei der war ich mir immer etwas unschlüssig im direkten Vergleich zur Berylliumkalotte in der Nada. Solche Dinge treten hier komplett in den Hintergrund, weil der elliptische Exot einfach perfekt eingebunden ist und es mich auch gar nicht mehr interessiert, wie er klingt: Die ganze Konstruktion macht ganzheitlich Musik und das auf absolut begeisternde Art und Weise.

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich diese Endrücke in erster Line auch dank der Ansteuerung per Accuphase E-800 gewonnen habe, und das ist natürlich gemein. Welcher Selbstbauer klemmt schon einen Vollverstärker für 15500 Euro an einen DIY-Lautsprecher. Eine meiner Missionen für die nächsten Wochen wird aber definitiv darin bestehen, einen irgendwie selbstbaubaren Treibsatz für Ella zu finden, der ein ähnlich intensives Erleben ermöglicht.

The Vollverstärker schlechthin

Von daher bin ich mir ziemlich sicher, dass es von Ella und ihren Spielkameraden in der näheren Zukunft noch Einiges zu Lesen und zu Hören geben wird.

11 Gedanken zu „Ehre, wem Ehre gebührt

    1. hb Beitragsautor
      Hi Michael,
      ja, das ist eine sehr spannende Variante des SymAsym-Themas. Ich bitte um etwas Geduld, dazu kommt definitiv noch was.
      LG: Holger
      Antworten
  1. Joe

    3 K € wären mir für eine DIY Box ehrlich gesagt auch etwas zu viel.
    Wünschenswert wäre etwas was man auch am einen Single Ended Amp klemmen kann.
    Die Abmessungen der ANE hat die Ella ja schon fast.

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  2. Wastl

    Hallo!
    Die Gehäuseversteifung reicht nicht bis zur Front. Ich weiß – das die Front eine niedrigere Reso hat.
    Hört man das oder ist dies nur für das gute Gefühl notwendig?

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    1. hb Beitragsautor

      Das mache ich mittlerweile immer so. Das hat Karl-Heinz Fink mir mal als Tipp mit auf den Weg gegeben. Karl-Heinz sagt, dass man unbedingt vermeiden müsse, Gehäuseresonanzen in die Schallwand einzukoppeln, das gibt deutlich messbare Intermodulationsverzerrungen. Deshalb sind Ringversteifungen Murks – es seit denn, man lässt ein paar Millimeter Platz bis zur Schallwand. Auch das Entkoppeln der Schallwand vom Gehäuse mit Dichtband oder so ist in dem Zusammenhang eine gute Idee.

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    2. Wastl

      Ok – Danke.Also mehr auf Mittelton optimiert – bei Woofern will man ja eher ein steifes Gehäuse??

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    1. hb Beitragsautor
      Sicher doch. In der aktuellen Klang + Ton.

      Die man
      bekanntermaßen, zusammen mit dem kompletten restlichen
      Zeitschriftenprogramm des Brieden Verlages, derzeit ein Jahr lang
      umsonst online lesen kann.

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  3. Kreativlos

    Warum hat MDF Nachteile im Boxenbau im Vergleich zu Multiplex? Und wie macht sich der Unterschied im Klang bemerkbar? Ich fürchte ich verfolge Sie noch nicht lange genug um das mitbekommen zu haben, pardon!Gruß

    Antworten
    1. hb Beitragsautor

      Das Problem ist nicht MDF an sich, sondern die heutzutage erhältliche Qualität. Das Zeug ist über die Jahre so schlecht geworden, dass es quasi von allein auseinanderfällt. Da ist einfach kein Kleber mehr drin. Die Kanten gehen ganz von alleine auf, Festigkeit und Stabilität sind beim Teufel.

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  4. Lautsprecherjense

    So einen test würde sich sicher jeder hersteller einmal wünschen. Dem Produkt sicherlich angemessen, weil wirklich gute Treiber nie billig sind, höchstens günstig

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