Kontrastprogramm

Nach der etwas intensiveren Beschäftigung mit unserem Luxus-Zweiwegerich (der Ella) geht’s hier nun um das andere Ende der Preisskala: einen Cheap Trick. Ach was: DEN Cheap Trick

Es lässt mich nicht los. Ich kann’s nicht ändern. Das Thema „Cheap Trick 230“. Auch wenn ich 2017, anlässlich des zehnjährigen Jubiläums dieses weder besonders hübschen noch innovativen Abräumers im Low-Cost-Selbstbaumarkt, noch mal ein neues Pärchen gebaut und ne Geschichte in der Klang +Ton drüber gemacht habe. Das Herz hängt am Original. Und ich kann mich noch nicht einmal genau erinnern, ob ich die Kisten damals gebaut habe oder ob’s Ex-Kollege Christian Gather selbst war.

Jedenfalls sind sie noch da, die Originale, und nach einer Unzahl von Einsätzen im und außer Haus haben haben sich irgendwann Ausfallerscheinungen manifestiert. Nicht verwunderlich.

So verstaubte der eine der beiden Klassiker über Jahre in einer Ecke unserer „Messbude“ in der Brieden’schen Turnhalle. Ja, müsste man mal, ist bestimmt nur ne Kleinigkeit, klar. Nächste Woche, wenn die … was auch immer in Druck gegangen ist. Ist nie passiert – kaum überraschend.

Bis jetzt. Jetzt ist Kurzarbeit und social distancing.

Also habe ich kurzerhand Alles, was nach Ur-CT-230 aussieht ins Auto gepackt, mit nach Hause genommen und es mir damit auf der Dachterrasse gemütlich gemacht. Wohl wissend, dass mir ein interessanter trip down memory lane bevorsteht.

Christian, du warst ne Schlampe. Aber das ist okay, das sind Thomas und ich auch – bis heute. Aber hier werde ich halt gerade mal massiv damit konfrontiert. Dass die Frequenzweichen in Form von mit viel Heißkleber an den Gehäuseboden geglotterten Drahtigeln so lange funktioniert haben ist ein Wunder. Aber auch das ist okay, denn CT 230 ist bekanntermaßen ein Wunder.

Trotzdem wollt‘ ich das ein bisschen haltbarer ausführen und in einer Form, die man mal ohne Hammer wieder aus der Box bekommt. Bloß nicht zu schön, nur ein bisschen seriöser. Handgesägte MDF-Reste für den Weichenaufbau schienen mir angemessen. Du verzeihst mit, dass ich deine Kunstwerke erst mal in ihre Bestandteile zerlegt habe.

CT230 hat auch immer davon gelebt, dass man’s bei der Bauteilequalität nicht überreißt. Deswegen gibt’s hier Elkos, und das ist gut so. Okay, die beiden Kondensatoren vor dem Hochtöner dürfen Folientypen sein, aber ansonsten sind Elkos mit glatter Folie das Mittel der Wahl. Der erste Kondensator im Hochpass vor dem Konushochtöner ist in unserem Original übrigens nicht der im Heft propagierte 4,7-µF-Typ, sondern einer mit 3,9 µF. Was in der Praxis vermutlich völlig egal ist.

Und wer dann doch endlich mal ein Paar solcher Schätzkes realisieren will, für den gibt’s auch noch einen „beauty shot“ von der fertig aufgebauten Weiche:

Klar ginge das noch kompakter, aber ein bisschen Luft hat bei sowas noch nie geschadet. Man beachte die versetzte Anordnung der vier Spulen zueinander, um magnetische Verkopplungen möglichst gering zu halten. Ja, ich weiß, das ist kein Aufbau fürs Bilderbuch, funktioniert in der Praxis aber gut so.

Übrigens lohnt es sich, beim Heißkleber auf gute Markenware zu setzen, das hält einfach besser und länger.

Und dann war da noch das ewige Thema mit der korrekten Bassreflexrohrlänge. In beiden Artikeln steht acht Zentimeter, tatsächlich drin ist ist eins mit acht und eins mit sechs Zentimetern. In den Neunzigern hat’s mal eine französische Lautsprecherbude namens Leedh gegeben, die hat sowas zum Prinzip erhoben und ihre Bassreflexkisten mit voller Absicht links und rechts leicht unterschiedlich abgestimmt. Bei unserer CT230 würde ich an dieser Stelle niemandem Absicht unterstellen wollen ;-).

Das hat alles ein bisschen länger gedauert als erwartet, war letztlich natürlich kein echtes Problem und ich bin froh, dass ich nichts austauschen musste und alle gut abgehangenen Originalteile wiederverwenden konnte. Auch würde ich das heilige Konstrukt nie dadurch schänden, dass ich auf einmal Dichtband auf die Korbränder der Tiefmitteltöner klebe ;-).

Was folgte war ein kurzer Probelauf in meinem Arbeitszimmer, der keinerlei Probleme offenbarte und sofort diesen leicht sperrigen, aber irgendwie auch stimmigen CT230-Sound produzierte:

Also wieder raus auf die Terrasse damit und eine möglichst zeitgenössische Elektronik drangeklemmt. Unsere Ur-SymAsyms als Antrieb waren gesetzt, aber leider waren meine Reparaturbemühungen daran dann doch noch nicht ganz so weit gediehen, wie ich das gerne gehabt hätte.

Was der ganze wilde Aktionismus um die ollen Kisten eigentlich sollte? Mein Plan bestand darin, meine Nachbarn und mich an der YouTube-Übertragung eines Konzert-Streams von Electric Moon aus dem Siegener Vortex Surfer angemessen teilhaben zu lassen – in der Hoffnung, dass mein Umfeld mit schön getragenem und gefühlvollen Space Rock klar kommt.

Hat geklappt. Und wie.

Und ich muss ganz ehrlich sagen: An diesem Samstagabend ist zu den vielen denkwürdigen Auftritten dieses Lautsprecherpaars definitiv einer dazu gekommen. Und es bricht mir das Herz, dass ihr ganzen Verrückten nicht hier sein und es miterleben konntet. Wir hätten sehr viel Bier getrunken und uns sehr, sehr gut gefühlt.

Das Konzert war… magisch. Soweit das bei einer Live-Performance ohne Publikum überhaupt geht. Im Bochumer Planetarium, wo ich die Band in den letzten zwei Jahren erleben durfte, geht das natürlich intensiver. Mit ungewohntem Lineup (dem etatmäßigen Drummer hätte die Einreise aus Österreich erhebliche Probleme verursacht) haben die Beteiligten einen Moment gebraucht, um sich „einzugrooven“, aber dann war’s absolut fantastisch.

Viel Lautstärke hat’s nicht gebraucht. Meine Dachterrasse grenzt an ein großes Karreé aus Häuserfronten, was eine sehr effektive Trichterwirkung mit sich bringt. Hier ist es nie ruhig, weil man die Gespräche von Leuten in 200 Metern Entfernung Wort für Wort mitbekommt.

Gestern Abend war es mucksmäuschenstill in den Pausen zwischen den Titeln. Meine Nachbarn saßen auf ihrer Terrasse rund um ein kleines Lagerfeuer und waren ebenfalls andächtig still.

Ich glaube, das waren denkwürdige anderthalb Stunden.

8 Gedanken zu „Kontrastprogramm

  1. Martin

    Der Bericht hat mich dazu motiviert mich mit dem Aufbau der
    „besten Box der Welt“ auseinander zu setzen.

    Wie bereits an anderer Stelle in der K&T kundgetan (bei
    der CT307 glaube ich) sind die Preise für Frequenzweichenbauteile mittlerweile
    in unverhältnismäßige Höhen gestiegen und übersteigen den Wert der Chassis bei
    weitem. Sicherlich, der absolute Preis der CT230 ist immer noch sehr
    günstig.Aber die CT 230 ist so ein besonders deutliches Beispiel.
    Die Chassis liegen, bei annähernd gleich gebliebenen Preisen, bei 40€ pro Seite.
    Die Weichenbauteile bei 80€. 2007 wurde der Gesamtpreis der CT230 mit 75€ pro
    Seite angegeben.

    Auch anderer Stelle nimmt der Investitionsaufwand der
    Weichenbaut ein erhebliches Maß der Kosten ein. Ein weiteres (un-)schönes
    Beispiel ist die Silenos. Günstige und vor allem gute Chassis von ScanSpeak bei
    Weichenbauteilen, die preislich die Hälfte des Bausatzes ausmachen, ohne sich
    etwas Besonderes gegönnt zu haben.

    Ein Blick in die Zukunft lässt eine Umkehrung des
    Marktes vermuten. Waren früher aktive Boxen, auch im Selbstbau, dem
    Hochpreissegment zuzuordnen und damit nahezu unzugänglich, werden mit den Plateamps,
    DSPs, ClassD-Amp-Module und was der Markt sonst noch so hergibt, die günstigen
    DIY-Kisten wohl zukünftig eher aktiv. Passiv getrennt mit hochwertigem Material
    wird zum Premium-Produkt

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    1. hb Beitragsautor

      Ja. Das mir den Bauteilen für passive Weichen ist ein Problem. Da bin
      ich der Erste, der sich der diesbezüglichen Kritik anschließt. Nun
      sollte man aber Eines nicht vergessen: Wir haben CT230 damals
      tatsächlich mit 75 Euro pro Seite kalkuliert. Was vielleicht ein
      bisschen knapp war, aber nicht fernab der Realität. Der Bausatz kostet
      bei Strassackers derzeit 115 Euro. Das ist eine Teuerungsrate in der
      Gegend von 50 Prozent – nach 13 Jahren. Das ist nun so ungewöhnlich
      nicht. Richtig, die Preissteigerung geht fast ausschließlich auf das
      Konto der Frequenzweiche. Aber eine echte Alternative dazu aus der
      Aktivwelt sehe ich nach wie vor nicht.

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  2. Falk

    Ach Holger, Heißkleber. Werkstoff des dritten Jahrtausends. Wenn wir Corona überleben, werden wir noch erfahren, dass auch Sternenzerstörer durch die phänomenalen Eigenschaften des Heißklebers zusammen gehalten werden.

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  3. Klaus

    Wieder mal ein sprachlich, photographisch, technisch, kurz journalistisch toller Beitrag! Macht Spaß bei Dir zu lesen und zu gucken und, hin und wieder zu hören!Bleib am Ball und bleib gesund!Klaus

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    1. hb Beitragsautor
      Ach, das ist ja klasse .
      Ich erlaube mir mal, das die Tage etwas mehr ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren.
      Danke für die Rückmeldung und den Link!
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  4. Micha

    Hallo Holger, ja das im Planetarium ist nochmals eine ganz andere Geschichte. Aber einen Vorteil hatte das Konzert gestern Abend. Man konnte, ohne Angst haben zu müssen etwas zu verpassen, die Augen zumachen. Das fällt im Planetarium naturgemäß schwerer 🙂 Und es war auch mit geschlossenen Augen grandios.

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