Von Hölzken auf Stöcksken

Die Tage war ich mal wieder unterwegs. Endlich mal wieder. Zum ersten Mal seit Beginn des Corona-Dramas. Es ging ins Sauerland, weil ich Joachim Gerhard besuchen wollte. Hatte ich gedacht

Der Stammleser erinnert sich: Zu Joachim muss ich ab und zu mal. Die letzten vier Male habe ich hier, hier, hier und hier dokumentiert. Weil’s einfach immer interessant ist und jedes Mal total Unerwartetes passiert.

Dieses Mal ging’s erst mal nicht nach Brilon, sondern in die Peripherie von Meschede. Dort nämlich residiert „Rose Handwerk„, eine kleine Manufaktur für Mobiliar und Accessoires der feineren Art. Dass Joachim und der dort ansässige „Holzwurm“ Markus Grelka schon seit einiger Zeit dicke miteinander sind und das auch schon Folgen fürs Gerhard’sche Lautsprecher-Portfolio hatte, wird dem Einen oder anderen schon aufgefallen sein. Und der Laden, der war was für mich. Und das hatte zwar auch mit Lautsprechern zu tun, in erster Linie aber mit traditionellem Handwerk nach meinem Geschmack.

Das da oben ist die Metallschleiferei bei Rose, in der bis vor Kurzem noch hoch spezialisierte Fachkräfte für die Bearbeitung von Messingteilen für die Leuchtenfertigung zuständig waren.

In erster Linie geht’s bei Rose heutzutage um Holz, Tische aus Massivholz sind eine Spezialität des Hauses. Und wo eine Tischleierei mit derartigen Möglichkeiten vorhanden ist, da liegt der Gedanke an eine Lautsprecherfertigung im begrenzten Rahmen nahe.

Hier fertigt Markus Grelka die Modelle der „Joachim Gerhard Collection„, die er in Eigenregie vertreibt – Händler dürfen natürlich auch gerne mal anfragen. In erster Linie für Wiederverkäufer dürfte die „Extended“-Baureihe jener Kollektion interessant sein.

Also bin ich erst einmal stundenlang durch die Ausstellung und die Fertigung bei Rose geschlichen und habe Mengen von meist altem Massivholz gestreichelt – ich finde es immer wieder faszinierend, wieviel haptische Befriedigung dieses Material vermitteln kann. Hier komme ich bestimmt mal wieder hin, bei Markus Grelka könnte ich definitiv unglaublich viel lernen.

Nachdem ich mich dort mit einem weinenden Auge losgerissen hatte, ging’s in Joachims geschäftliches Domizil mitten in der Briloner Innenstadt, wo er letztes Jahr seinen Tag der offenen Tür veranstaltet hatte – den Link dazu gibt’s oben. Und dort hatte ich meine erste akustische Begegnung mit einem neuen Lautsprechermodell namens „Surveryor„, der zur Extended-Line der Joachim Gerhard Collection zählen wird.

Das ist ein pro Paar 6800 Euro teurer Kompaktmonitor, der so Joachim Gerhard ist, wie es ein Lautsprecher überhaupt sein kann: Extrem direkt, sehr linear, brachial fein auflösend, sehr dynamisch und bestimmt nicht der kuscheligste Vertreter der Spezies, aber richtig, richtig gut. Und natürlich hat Joachim mal wieder hochinteressantes Material abseits des Mainstreams eingesetzt: Das russische Viawave-Bändchen hat er definitiv in den Griff bekommen wie noch keiner vor ihm (was uns bei der Klang + Ton definitiv einschließt), den belgisch-dänischen Sechseinhalbzöller von Purifi Audio muss ich unbedingt in die Finger bekommen. Da scheint jemand neue Maßstäbe in Sachen Verzerrungsarmut bei Tiefmitteltönern gesetzt zu haben – sehr spannend. Joachim hat den Treiber mit der ungewöhnlichen Sicke mit zwei Passivmembranen kombiniert; was das an Bass liefert, dürfte für die allermeisten Hörsituationen mehr als ausreichend sein.

Selbstverständlich stehen da noch jede Menge anderer hoch spannender Lautsprecherideen in den Ecken – wir sind schließlich bei Joachim, der Mann kennt keinen Stillstand, was seine diesbezügliche Kreativität angeht. Von dem einen oder anderen Projekt wird sicherlich noch zu berichten sein. Nun aber ging’s erst einmal zu Joachim nach Hause, um diverse Blicke und Ohren in seinen berühmten Keller zu werfen, der Brutstätte für so viele großartige Ideen.

Das ist immer wieder ein ganz besonderer Ort, bei dem von jedem Regalbrett Kreatives quillt. Ich mag solche Orte, an denen man sich stundenlang umsehen kann und immer noch nicht auch nur ansatzweise alles gesehen hat.

Den Logenplatz in diesem Domizil besetzt gerade ein anderes Paar kompakter Zweiwegeriche aus der JG-Kollektion namens „Vitesse„, befeuert von einem der berühmten Drahtigel-Verstärker aus Joachims Hirnwindungen. Die Vitesse ist ein zauberhafter Lautsprecher für Leute, die es nicht ganz so gnadenlos direkt und ins Gesicht haben wollen wie mit der Suyrveyor. Sehr schön, sehr ausgewogen und sicherlich das Richtige für ganz viele Leute. Übrigens gibt’s gerade aktuell einen Test davon bei den Kollegen von der Fidelity.

Zu den Dingen, die sich bei meinen Besuchen in Joachims Keller eingebürgert haben: Wir müssen „Take Five“ hören. Das ist Tradition. Sehr gut, was die Vitesse daraus macht.

Zu Joachims Wahnwitz-Phonovorstufe „Primal Scream„, die sich gerade in der Entstehung befindet, erzähle ich bestimmt zu anderer Gelegenheit nochmal was. Das jedenfalls, soviel steht schon mal fest, ist eine sehr ernste Angelegenheit.

Gegen Abend haben wir dann noch einen Ausflug zu einem guten Freund von Joachim in die Nähe von Kassel gemacht. Nicht nur, aber auch, weil Joachim mir die sehr interessante HiFi-Installation dort demonstrieren wollte. Gute Idee, das war etwas Besonderes:

Nein, das blaue ist nicht das Hörsofa – das sieht man gerade nicht. Das Setup spielt in einem sehr großen, sparsam möblierten und außerdem schallharten Raum und man sollte vermuten, dass das so gar nicht geht.

Weit gefehlt. Das Ganze ist so geschickt aufgestellt (weit weg von allen Wänden und sehr asymmetrisch), dass der Nachhall viel später als die erste Wellenfront von den Lautsprechern beim Zuhörer eintrifft. Das kann das Ohr prima differenzieren – der Hall stört kaum noch. Zu der ziemlich extremen Suesskind-Box mit einem Vierzöller, einem Hochtöner und minimaler Filterung gesellt sich ein passiver Subwoofer. Absolut erstaunlich, welch brachiale Pegel diese Kombination erzeugen kann, ohne dabei irgendwelche Ermüdungserscheinungen erkennen zu lassen.

Das war ein sehr ereignisreicher und überaus spannender Tag. Überflüssig zu erwähnen, dass ich natürlich erst in den frühen Morgenstunden wieder in heimischen Gefilden gelandet bin, aber das war’s wert.

Vielen Dank für die Gastfreundschaft an alle Beteiligten, ich komme gerne wieder.

Natürlich gibt’s noch mehr Bilder zu gucken. Und zwar hier.

4 Gedanken zu „Von Hölzken auf Stöcksken

  1. Joachim Gerhard

    Der basiert auf dem SEAS Exotic, ist aber speziell für mich gebaut mit sehr engen Toleranzen und einer modifizieren Sicke, die im wichtigen Mittelton Bereich Resonanzen beseitigt und den Klirrfaktor senkt.

    Antworten

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