Notizen aus der Provinz

Oder: Was Bergkamen München voraus hat – zumindest in diesem Jahr. Und warum ich dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ab und zu doch was abgewinnen kann

Wer hätte das gedacht. Alle nationalen und internationalen (okay, bis auf irgendwas in Hongkong) HiFi-Messen abgesagt, sämtliche Selbstbauveranstaltungen auf Halde gelegt, allgemeiner Stillstand in Sachen „die Szene trifft sich“. Abgesehen von diversen Spontan-Frickler-Flashmobs (der Begriff ist auch schon wieder auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet, wenn ich so drüber nachdenke) gab’s die letzten anderthalb Jahre – gar nix. Doch dort, wo sich A1 und A2 gute Nacht sagen, da glimmt der Funke der Hoffnung in Gestalt der 2021er Ausgabe des „Bergkamener Hörtests“. Jener extrem familiären Eintagesveranstaltung, die Axel und Team an immer mal changierenden Orten in Downtown Bergkamen ausrichten. Die Buchung für das Gemeindezentrum stand schon schon seit 2019 und alle haben sich riesig gefreut, dass es dieses Jahr unter 3G-Supervision geklappt hat.

Der harte Kern macht aus der Von-Samstagnachmittag-bis-Sonntagvormittag-Veranstaltung sowieso eine von Freitagnachmittag bis Sonntag, was ich mir in diesem Jahr auch erstmals gegönnt habe. Die Frage der Übernachtung(en) bin ich zugegebenermaßen etwas unreflektiert angegangen, fand letztlich mit „Mitaussteller“ Micha aber eine in jeder Hinsicht spitzenmäßige Herberge im Hörraum daheim beim Veranstalter – der wohnt praktischerweise direkt angrenzend. Die Location gibt vier bespielbare Räumlichkeiten her, die sich mit ein bisschen Liebe zum Detail alle in akustisch brauchbare Situationen verwandeln lassen. Da ich die ganze Aktion kombi-kompatibel halten wollte, fuhren nur zweimal 40 Liter in Boxenform mit – sprich: Ella hatte ihren allerersten öffentlichen Auftritt.

Als Front End entschied ich mich für den großen Direkttriebler auf Yamaha-Basis mit bewährtem Clearaudio-14-Zöller. In Sachen Tonabnehmer wollte ich’s nicht beliebig übertreiben und montierte das sehr vielversprechende brandneue Skyanalog P-1 – mit einem 500-Euro-MC kam ich mir auf der Veranstaltung noch nicht zu versnobt vor. Da ich nicht wusste, ob’s vor Ort einen geeigneten Unterbau für den fetten Platten abspielenden MDF-Klotz praktisch ohne jede Dämpfung geben würde, musste der leider schon lange nicht mehr lieferbare Massiv-Birken-Beistelltisch vom Schweden mit ins Auto. Darauf wanderten vier per Fahrradpume befüllbare Luftfüße, die das mit der Entkopplung gut können – vorausgesetzt, oben steht genug Masse drauf. Diesbezüglich habe ich dem Dreher mit zwei Acapella-Basen auf die Sprünge geholfen und in der Tat hatten wir keinerlei Probleme mit Trittschall. Die Phonovorverstärkung übernahm die bewährte AT95-Röhrenphono nach Bernd B., den zarten MC-Pegeln halfen zwei Lundahl-Übertrager auf die Sprünge, die mein lieber Freund Kurt aus der Schweiz mal für mich in diese einzigartige Form gebracht hat:

Als Hochpegelvorverstärkung war Michas brandneuer „Low-mu preamp“ nach Pete Millet gesetzt, aber da gab’s noch ein paar Startschwierigkeiten, so dass zunächst die aktuelle Inkarnation von Birgers hoch spannendem symmetrischen Modulvorverstärker den Job der Endstufenbefeuerung übernahm. Micha hatte zwei Pass-Konzepte dabei, eine F6 und eine AB-100, die beide mit der Ella bestens zurechtkamen. Ich habe noch ein Paar 6C33-Gegentakt-Mono-Prototypen von Röhrenschmieden-Andreas mitgebracht, die den Part irgendwann bravourös übernahmen. Von den Endstufen erzähle ich nochmal gesondert was.

Ja, ich weiß, das war jetzt ne ziemliche Litanei über unsere eigene Anlage, aber schließlich ist das hier ne Geschichte für Nerds – da muss das so ;-).

Die anfänglichen Probleme mit Michas Vorstufe, die echte Stabilitätsprobleme zu haben schien, ließen sich übrigens auf zwei Umstände zurückführen: Hauptschuldiger war der böse Power-Lan-Adapter , der in der Steckdose neben „unserer“ steckte und das Musikhören im Raum schlicht unmöglich machte – tatsächlich hat das Ding sogar Birgers diesbezüglich sicherlich deutlich unempfindlichere Halbleiter-Trutzburg aus der Bahn geworfen. Raus mit dem Murks aus der Wand – paradiesische Ruhe. Immer wieder erschütternd. Michas Vorstufe brauchte im Anschluss noch das simple Umlegen eines Leitungsstranges, dann spielte auch diese Maschine ohne Probleme. Und das ziemlich gut, hatten wir so den Eindruck. Die gewaltige Verstärkung von ungefähr zwei reichte allerdings nicht, um die F6 nennenswert auszusteuern, so dass wir im Anschluss auf den Einsatz dieser Endstufe verzichteten.

Und sonst so?

Olli und Kay hatten eine überaus gelungene Altec-A7-Miniatur im 66,7-Prozent-Format dabei, die, obschon nur mit einer vor Ort zusammengedengelten ausschließlich per Simulation entstandenen Frequenzweiche betrieben, irgendwann echt ernsthaft zur Sache ging – und das an zwei gewiss nicht mit reichlich Leistung gesegneten 2A3-Monos. Wenn die Sprecher mal fertig sind, dann machen wir die mal in der Klang + Ton.

Das ganze Getöse fand übrigens im Spielzimmer der Veranstalter statt, in dem auch sonst interessante Dinge passierten: Dort trafen nämlich die beiden „Celeste“-Versionen aufeinander – sprich, unser Konzept mit dem Celestion-Koax TF1225CX und das von Timmi. Das ging letztlich aus wie zu erwarten: Unsere Variante klingt lebendiger und drückt ein bisschen mehr, die aus Kleve tönt ein bisschen gediegener und korrekter. Egal isses ohnehin, weil dieser prächtige Treiber nicht mehr hergestellt wird. Ein echtes Trauerspiel, zumal einfach keine auch nur ansatzweise gleichwertige Alternative in Sicht ist. Nur noch so hochmoderne Dinger mit viel zuviel Antrieb und einer Trillion Watt Belastbarkeit, die sich nur per DSP und ein paar Kilowatt Verstärkerleistung zu sowas wie Basswiedergabe zwingen lassen. Nee, lass ma.

Da habe ich mich doch erheblich mehr über die beiden Breitband-Standlautsprecher gefreut, die Michael aus Essen und Christoph aus meiner Nachbarschaft ins Hörzimmer am Eingang gestellt und trotz nicht zu unterschätzender raumakustischer Probleme gut in den Griff bekommen haben.

Und dann war da noch das Kellergeschoss, in dem Hoffnung zuhause war – nämlich die beiden einzigen Teilnehmer an der Veranstaltung, die man ohne rot zu werden als „junge Männer“ bezeichnen konnte und die ebenfalls mit einem Breitbandkonzept, jeder Menge Schaltverstärkergedöns, einem selbstgebauten Streamer und DSP zur Raumentzerrung anreisten. Und richtig, letztlich lief der Lautsprecher dann passiv entzerrt, ohne DSP und mit einem Röhrendings davor, von dem ich nicht mehr weiß, was es war. Klang gut, aber die Machtergreifung der Digitaltechnik fand auch hier wieder einmal nicht statt.

Ist aber sowieso alles egal, denn wir hatten Radio. So richtig. Telefunken. Von damals.

Ich weiß nicht, welchen eigentlich unerträglichen WDR-Ableger Olli da eingestellt hatte, am späten Abend jedoch kam auch da so etwas wie Musik. Ich will nicht völlig ausschließen, dass die folgende formvollendete Klugsch***ei auch irgendwas mit zwei Flaschen Rum und viel Bier zu tun hatte, jedenfalls hatten wir mächtig Spaß daran, mit Zug um Zug tiefer im Nebel verschwindendem Achtziger-Musikwissen zu protzen. Erstaunlich, wie einfach man große Jungs glücklich machen kann.

Ja. Das war’s dann auch irgendwie. Waren ja auch nur anderthalb Tage. Viel zuwenig, ist doch klar. Und doch so wichtig, um all die einschlägig Vorgeschädigten mal wiederzusehen, zu denen der Draht pandemiebedingt dann doch abgekühlt war.

Alles super, wäre da nicht diese etwas unerfreuliche Note zum Ende gewesen: Am Sonntagmorgen, noch bevor wir die heiligen Hallen zum Zwecke des Einpackens und Aufräumens betreten konnten, hatten eine ganze Reihe unserer „Installationen“ nämlich Besuch von der berüchtigten Spezies der „Kalottendrücker“. Ich erspare mir hier Bilder vom unerfreuliche Zustand eines der beiden Ellipticor-Tieftöner der Ella oder der bis zum Anschlag eingedrückten Dustcaps besagter Celestion-Koaxe. Und ja, alle beschädigten Teile standen hinter verschlossenen, aber nicht abgschlossenen Türen – was wir mangels Schlüssel auch gar nicht hätten tun können. Bedauerlich, nicht zu ändern, aber definitiv noch mit einem Nachspiel für den Betreiber des Gemeindezentrums behaftet.

Bis dahin empfehle ich, meine Fotos zu gucken und sich die Geschichte von Micha zum Event zu Gemüte zu führen.

3 Gedanken zu „Notizen aus der Provinz

  1. Oliver Imle

    Schöner Bericht. Viel Info, viel Stimmung. Schade, dass du dich in deinen Publikationen sonst nicht so ausbreiten kannst. Hat echt Spaß gemacht zu lesen.Bis auf das Ende….

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  2. Roberto Weberndorfer

    Hallo Holger,..keine Ahnung ob das jetzt von meinereiner angebracht ist. Bei dem Foto des Plattenspielers ist mir spontan eingefallen, dass Jonathan Weiss von OMA nach 7 Jahren Entwicklung einen neuen Direkttriebler mit Schröder Tonarm kreiert hat. Ist auf seiner Website zu besichtigen,…sicher nicht unbedingt für den Selbstbau geeignet,…aber vielleicht was für die „LP“?Grüßle Roberto

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    1. hb Beitragsautor

      Ja, das ist richtig, die lustige 400000-USD-Maschine, die aussieht wie ein sinkender Kreuzfahrtdampfer. Nicht meins, auch wenn ich JWs Kreationen ansonsten sehr schätze. Von der Entstehungsgeschichte des Tonarms habe ich über die Jahre ein wenig mitbekommen. Wie bei Frank üblich, gibt’s da ein paar sehr interessante Details, die nicht sofort auffallen (sollen). Vermutlich wird’s damit noch die eine oder andere Begegnung geben.

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