Leitende Tätigkeiten

Neulich habe ich ein paar Netzanschlussleitungen gebaut und ein Foto davon bei Facebook gezeigt. Das Resultat dessen ist dieser Artikel

Das war nämlich so: Der Netzanschluss von HiFi-Komponenten bei mir erfolgt in aller Regel nach dem Motto: „Was halt so da ist“. Was weder für besonders gute Vergleichbarkeit sorgt noch dafür, dass die Dinge ohne Suchen und Fluchen abgehen. Das wollte ich ändern und deshalb gibt’s jetzt diese zweifellos beeindruckend aussehenden und technisch absolut sinnvollen Geräteanschlussleitungen.

Das Echo darauf war erstaunlich groß und irgendwie komme ich aus der Nummer wohl nicht raus, ohne wenigstens ein paar Dinge darüber zu erzählen. Was hiermit passiert.

Im Zuge dessen habe ich ein paar Dinge gelernt, die mir beileibe vorher nicht so klar waren. Wie zum Beispiel: Es ist völlig ohne Probleme möglich, Leitungen wie diese ausschließlich mit sehr hochwertigen Komponenten „Made in Germany“ anzufertigen und dabei nicht schlagartig arm wie eine Kirchenmaus zu werden. Deshalb ist das Interessante an dieser Story vermutlich gar nicht die Strippen an sich, sondern die Zulieferer der Einzelteile.

Bevor wir über Leitungen reden (weil: „Kabel“ sind schwarz und liegen unter der Erde), müssen ein paar Worte über elektrische Sicherheit gesagt werden. Viel besser als der Beipackzettel des hier verwendeten Geräteanschlusssteckers kann ich das nicht tun, deshalb bitte ich, sich das hier intensiv zu Gemüte zu führen:

Anschlussleitungen für mobile Gerätschaften (als solche führt Gottes Wort, also die VDE 0100, das ganze Zeug, mit dem wir uns so beschäftigen) müssen zwingend mit Litzenleitern realisiert werden. „Solid Core-Netzkabel“ sind in Deutschland also schlicht illegal. Verabschieden Sie sich von Ihrem Versicherungsschutz, wenn Sie so etwas trotzdem einsetzen. Und Litzenenden müssen bei Anschluss per Schraubklemme (also beim Verbinden mit den allermeisten für uns interessanten Armaturen) zwingend mit Aderendhülsen verpresst werden.

Also: Das erste, was Sie brauchen ist eine Knipex 9762145A. Das ist die günstigste Aderendhülsenzange des Wuppertaler Herstellers, die ist mit Glück und Versand für 25 Euro zu kriegen und eine Investition fürs Leben. Und nein, wir fangen an dieser Stelle nicht an, das schöne „Made in Germany“-Konzept mit chinesischem Billigwerkzeug zu torpedieren. Wenn Ihnen die schlichte Trapez-Crimpzange nicht „fancy“ genug ist, dürfen Sie auch gerne 200 Euro und mehr für was Spannenderes aus Wuppertal ausgeben.

Als Nächstes brauchen wir ein gescheites Werkzeug zum Abisolieren der Litzenenden. Natürlich gibt’s auch das jede Menge tolle Spielsachen aus Wuppertal, aber in diesem Falle werde ich mal ganz kurz schwach und lege Ihnen dieses seit Jahren verfügbare Sonderangebot des Surplus-Versenders Pollin ans Herz. Nicht ganz so lecker wie das Knipex-Zeug, aber erstaunlich gut. Der springende Punkt bei dieser Bauform ist: Man verletzt damit die Litzenbündel nicht. Sprich: Alle dünnen Drähtchen überleben die Abisolierungsprozedur.

Bei Pollin gibt’s übrigens auch echt günstige passende Aderendhülsen, wenn Sie schon mal da sind. In diesem Falle sind die Kunststoffkragen für 1,5 mm²-Hülsen rot, in anderen Fällen schwarz – es gibt da ein paar konkurrierende Kennzeichnungsnormen.

So. Spezialwerkzeige sind am Start, ein scharfes Messer und diverse Schraubendreher auch? Dann können wir ja mal nach der passenden Leitung schauen. Ich nehme diese hier:

Das ist eine ganz normale Gummischlauchleitung vom Typ H07RN-F mit einem Querschnitt von drei Mal 1,5 mm². Gibt’s in jedem Baumarkt, aber nicht in so schön farbig und schon mal gar nicht in dieser Qualität. Das da ist nämlich Ozoflex, wird in Deutschland gefertigt und eine exzellent zu verarbeitende und extrem flexible Leitung, die schon beim Konfektionieren Spaß macht. Man merkt schon beim Aufrollen dieser Leitung, dass das gutes Zeug ist. Gibt’s natürlich auch dicker als 3 x 1,5 mm², aber das brauchen und wollen wir hier nicht – so passt es nämlich ohne Probleme in die vorgesehenen Stecker. Ich kaufe die Leitung übrigens immer hier und ja, Sie dürfen auch schwarz, blau oder gelb nehmen. Für 1€10 bis 1€20 pro Meter halte ich diese Leitung für sensationell gut.

Dass es sowas aus einheimischer Fertigung zu einem so attraktiven Preis gibt, hat mich ziemlich überrascht. Als ich dann anfing, mich mit passenden Armaturen zu beschäftigen musste ich feststellen, dass so etwas bei klassischen Elektrotechnik-Produkten gar nicht so ungewöhnlich ist.

Die Netzstecker meiner Wahl zum Beispiel stammen von ABL. Die, so ganz nebenbei, die Erfinder des Schuko-Steckers und des Sicherungsautomaten sind. Und ein bodenständiges fränkisches Familienunternehmen. Die exakte Typenbezeichnung des Modells hier ist ABL Sursum 1529160. Bei Völkner sind sie günstig, deshalb habe ich die verlinkt. Natürlich kann man die auch in blau, rot oder schwarz bekommen und an dieser Stelle verwenden.

Das ist, guter, solider Stoff. Überfahrsicher mit einer Belastbarkeit von vier Tonnen. Man weiß ja nie ;-).

Der schöne zweite Zugentlastungsmechanismus per Spannzange (außer dem Klemmbügel) klemmt das 3×1,5er Ozoflex voll zugedreht genau richtig, die Schraubklemmen im Stecker sind stabil und verfügen über ordentliche Kragen zum Einführen des per Aderendhülse konfektionierten Leiters.

Mit montierter Leitung sollte das Ganze in etwa so aussehen:

Muss es dieser Stecker sein? Natürlich nicht. Klassiker in der HiFi-Szene sind diverse Modelle von Bals, auch das ist Qualität aus Deutschland und ein Familienunternehmen aus dem ganz tiefen Sauerland. Und womöglich gibt’s da noch etliche mehr, die ich gerade nicht auf dem Radar habe.

Was definitiv für den Hersteller der Armatur am andere Ende dieser Leitungen galt, die Firma Martin Kaiser GmbH & Co. KG, ein – Sie ahnen es – fränkisches Familienunternehmen. Wenn Sie für einen Job in der tiefen Provinz zu haben sind, Kaiser bietet Urlaubsgeld, einen Mitarbeiterparkplatz und eine Weihnachtsfeier :-).

Ich habe mich für die „Warmgerätesteckdose 783“ entschieden. Die kosten bei Völkner gut zwei Euro und sind genau das, was wir hier brauchen. Dass es die auch in grau gibt, habe ich erst hinterher gesehen – das hätte hier wohl besser gepasst.

Das Gute an diesem Stecker (Verzeihung: „Kupplung“) ist, dass man den Knickschutz weglassen kann (was, wenn ich richtig informiert bin, tatsächlich statthaft ist), wodurch die Einlassöffnung für das dicke H07RN-F groß genug ist. Das ist genau der Punkt, bei dem man bei einer ganzen Reihe handelsüblicher Kalt- und Warmgerätekupplungen scheitert.

Wieso ich Warm- und keine Kaltgerätekupplungen genommen habe? Eigentlich isses Quatsch. Als ich das Zeug bestellt habe, war ich noch der Meinung, dass die erhöhte Temperaturfestigkeit dieser Bauform (120° C) gegenüber dem Kaltgerätezeug (70°C) irgendwelche Vorteile durch besseres Material bieten könnte. Mittlerweile hat mich der Kaiser-Katalog aber vom Gegenteil überzeugt: Beide werden aus PA6 gefertigt, den Älteren unter uns auch als „Perlon“ geläufig. Das ist DER Industriestandardkunststoff für eine Vielzahl von Gehäuseanwendungen. Es gibt auch noch bessere Varianten davon (PA66) und solche mit Faserverstärkung (aus so etwas fertigt zum Beispiel WBT seine Nextgen-Verbinder), aber so tief rein in die Materie wollen wir an dieser Stelle nicht.

Jedenfalls passen Warmgerätekupplungen in Kaltgerätesteckdosen, also spricht nichts dagegen, auch solche an dieser Stelle einzusetzen.

Im Wesentlichen war es das. Rate ich Ihnen dazu, das hier als Bauanleitung zu begreifen? Auf keinen Fall. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann ich nicht ausschließen, dass ich bei der Konfektionierung irgendeinen Fehler gemacht habe, den ich einfach nicht erkannt habe – entsprechend vorgebildete Zeitgenossen werden mich dann bestimmt darauf aufmerksam machen. Sry – ich bin kein Installationsprofi, ich habe Nachrichtentechnik studiert. In meinem kleinen Universum jedenfalls, in dem ich mir meiner Verantwortlichkeit für mein Tun vollumfänglich bewusst bin, tun die Strippen ausgezeichnet und sind genau die Problemlöser, als die sie gedacht waren.

[[Epilog]]

Ist Ihnen etwas aufgefallen? An keiner Stelle dieser Leitungen gibt es Schrumpf- oder Gewebeschlauch. Wenn ich so etwas an Leitungen sehe, keimt in mir immer der Verdacht, dass der herstellende Künstler damit entweder Verarbeitungsschwächen oder Trivialitäten bei der Materialauswahl kaschieren will. Das hier, das kann man „nackt“ zeigen, ohne sich zu schämen.

[[Epi-Epilog]]

Natürlich gibt’s auch seriöse Hersteller von Geräteanschlussleitungen und sonstigem Netzgedöns da draußen. Über jeden Zweifel erhaben sind zum Beispiel die Produkte von Mudra Akustik und Fisch Audiotechnik. Da gibt’s wenig „Philosophie“ und viel Qualität fürs Geld. Noch viel mehr Physik ohne Bullshit gibt’s bei HMS.

9 Gedanken zu „Leitende Tätigkeiten

  1. Roger Wilco

    Der Schutzerdeanschluss kann bei den hier verwendeten Steckern gleich lang mit den andren Adern (namentlich Phase und Neutralleiter) abgelängt werden.Die Anschlüsse innerhalb der Stecker sind bereits so angeordnet daß bei gleicher Aderlänge PE zuletzt abreißt. So reicht abmanteln aus, kein zurückschneiden von L und N. Wenn man 200 von denen verarbeiten muss, ein erheblicher Komfortgewinn. Man muss nicht die Extralänge im eh knappen Stecker unterbringen.

    Antworten
  2. Lars Beerens

    Hallo Holger, vielen Dank für diesen Beitrag. Ich habe mir jetzt auch solche Netzanschlußleitungen gebaut. Das gleiche Kabel in Blau mit einem Schoko Stecker und Kaltgeräte Stecker von Völkner. NF Verbindungsleitungen habe ich mir letztes Jahr zusammengelötet. Ein Sommerkabel das SC- Primus 1x2x0,50mm² mit Neutrik Profi Cinch Steckern. Beides funktioniert bestens man hat Spass beim zusammenbauen und spart eine Menge Geld.Bleibt alle gesund und viele Güße aus dem TeutonenlandVGLars

    Antworten
  3. Andreas Seeger

    Super Idee, die Bauteileauswahl und Schrittreihenfolge zu dokumentieren, großes Lob dafür an dich, Holger. Wo wir/du schon mal bei Steckverbindungen sind/bist, der Vorschlag, dieses auch für symmetrische – voodoofreie – NF-Verbinder mal anzugehen und uns ein, Ich nenn es mal gutes Basiskabel, an die Hand zu geben.

    Antworten
  4. Michael Schulz

    Das Bild vom Beipackzettel des Warmgerätesteckers (gilt auch für Kaltgerätestecker) solltest du mal auf irgendeiner Messe einigen HighEnd-Steckdosenleistenherstellern unter die Nase halten. Ich frag mich schon lange wie die ihre Leisten zugelassen bekommen. Eingang ist ein C13, also Kaltgeräteeinbaustecker und auf der Leiste steht max. 3600W, 220-240V, 16A. Vielleicht verstehe ich ja auch was falsch und das 10A max. gilt nur bei Vollmond oder anderen Bedingungen die mir nicht bekannt sind. Liebe Grüße, Micha

    Antworten
  5. hb Beitragsautor

    Jawohl, völlig richtig die Herren. Das ist der Grund für den nach hinten versetzten Erdungsanschluss bei dem Warmgerätestecker. Zumindest bei dem Schuko sollte man das aber tun. Danke für den Hinweis.

    Antworten
  6. Dieter Geißel

    Hallo Holger,die Ader des Schutzleiters muß länger sein als die beiden anderen, damit bei Versagen der Zugentlastung der Schutzleiter als letztes abreisst.Gruß Dieter

    Antworten
  7. Frank Schumacher

    Hallo Holger,eine kleine Anmerkung sei mir doch gestattet: Den Schutzleiter sollte man immer etwas länger lassen, damit sich im Fall des Ausreißen der Leitung die Schutzfunktion als letztes löst…. Viele GrüßeFrank Schumacher

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.