Dann eben Rönnebeck

Am vergangenen Wochenende war Frickelfest. Also irgendwie. Weil: So richtig ging ja nicht, weil Corona. Auch wenn alle Teilnehmer vollständig geimpft und das eine geschlossene Veranstaltung gewesen wäre. Lassen wir das. Blutdruck und so…

Aber zum Glück hatte ja mein rechter Hochtöner beschlossen, sein Tun mit einem unerfreulichen Kratzen zu hinterlegen. Und Olli, sein leicht angefaultes Küchenanbaudach mit personeller Unterstützung aus der Fricklergemeinde zu restaurieren. Jeder dieser Gründe allein wäre vollkommen ausreichend gewesen, das vierte Wochenende in diesem Jahr am Nordrand von Bremen zu verbringen. In Kombination und mit der Aussicht auf das eine oder andere Bier mit zumindest einem Teil des Fricklervolks jedoch war der Termin schlicht unvermeidlich.

Mit Schulzens Micha, kratzigem Altmetall und einem Stapel Platten im Auto ging’s dann am Donnerstag bei erfreulich wenig verkehrstechnischen Dramen gen Bremen. Die ersten einschlägig Verdächtigen waren natürlich schon da, so dass wir dem üblichen Vorwand für späteren Alkoholkonsum schon mal Genüge tun konnten. Sprich: Mein unglücklicher Hochtöner erfuhr eingehende Begutachtung durch Großcousin Bernd. Dann wurd’s langsam Abend.

Die Beschallung übernahm ein schönes Siebziger-Kofferradio von Blaupunkt (das ich blöderweise nicht fotografiert habe) und wir waren uns alle einig, dass man zum Musikhören eigentlich nicht viel mehr braucht als einen nicht zu großen Ovalbreitbänder in einer kleinen Kiste. Erstaunlich, wie gut verständlich das auch noch zehn Meter weiter am Feuer tat. UKW-Radio. Kein Bluetooth, kein Spotify, noch nicht mal ein angestöpselter Plattenspieler.

Am Freitag haben wir uns dann immer mal wieder der Dachbaustelle gewidmet – zumindest in den Pausen zwischen den zahlreichen Regenschauern. Nach ersten diesbezüglichen Erfolgen lud der große JBL-Heiler dann ins Wohnzimmer und nahm sich meines Hochtöners an. Und ja, ich hatte natürlich vorher penibel den Luftspalt saubergemacht, die Schwingspule geputzt und nichts unversucht gelassen, dem Töner die gerade bei Klaviertönen ziemlich schmerzhaften Verzerrungen abzugewöhnen. Half alles nichts.

Einen offenkundigen Defekt konnte auch Olli nicht feststellen, die Verzerrungen waren aber akustisch wie messtechnisch nach wie vor dramatisch. Genauso wie die folgenden Gegenmaßnahmen: Olli rückte etwaigen Graten oder Korrosionsrückständen im Luftspalt mit Schleifpapier zu Leibe. Hätte ich mich sicherlich nicht getraut. Genauso wenig wie das anschließende Aufbohren der Öffnungen für die Passstifte im Montagering der Membran, über die die Schwingeinheit im Luftspalt zentriert wird.

Nach abermals penibler Reinigung des Luftspaltes mit Klebeband und jetzt manueller Zentrierung der Membran mit angeschlossenem Signal bei laufender Impedanzmessung hat der Mann es allerdings hinbekommen, das Ding so zusammenzubauen, das jetzt wieder andächtige Ruhe herrscht. Natürlich wäre Olli nicht Olli, wenn er den zweiten Hochtöner nicht auch gleich zerlegt und ihm ebenfalls eine Neuzentrierung nach gleichem Muster hätte angedeihen lassen. Weshalb ich jetzt sehr glücklicher Besitzer von zwei ziemlich gleichen JBL 2470 bin. Die kriegen bei Gelegenheit noch eine kleine Aufmagnetisierung, dann sind sie wieder so richtig obenauf.

Puuhhh. Glück gehabt. Danke Olli.

Im Anschluss an die Aktion haben wir dann erst mal ne richtige Anlage in den Garten geschleppt und Bernd beim Bau seiner ziemlich ausladenden 300B-Monos gestört. Eigentlich musste er nur noch ein paar Strippen im zweiten Kanal, aber… wie das so geht. Kleiner Einschub für Röhren-Nerds: Bernd baut im richtigen Leben übrigens Röhren bei Elrog, deshalb dürfte er einer der ganz wenigen Menschen auf der Welt sein, der einen Verstärker mit höchstselbst gemachten Röhren realisieren kann. 801A treibt 300B unter Zuhilfenahme von ziemlich viel Eisen – sehr spannende Sache.

Und so nahm denn der Rest des Freitags seinen Lauf, die Anzahl der Gäste stieg, wir hatten trotz eher unerfreulichen Wetters viel Spaß, Bernd lötete unentwegt weiter, wir haben nicht mit guten Tipps gespart, was man in dieser Situation ja immer gerne hat ;-).

Am Samstag dann habe ich mich erst einmal mit der Anlage von Hartmut auseinandergesetzt, der nämlich als Einziger ernsthaft Technik mitgebracht und in Ollis Dachgeschoss geschleppt hatte. Sehr schönes Ensemble von Sachen, die eigentlich nicht unbedingt meins sind: Open-Baffle-Lautsprecher, DSP-Weiche, akkugespeiste Schaltverstärker, per CD-Player angesteuert.

Ich muss aber neidlos anerkennen, dass das unter den wahrlich nicht optimalen Voraussetzungen schön frei, flüssig und detailliert gespielt hat und mir den Einstieg in den Samstag deutlich erleichtert hat. Olli saß mittlerweile am nächsten Restaurationsprojekt in Form zweier Zwölfzöller von Daniel, die dringend neue Sicken benötigten. Jener Daniel stöpselte draußen zwischendurch seine niedliche, nur aus Restbeständen gebaute GU-17-Gegentaktendstufe in die Anlage, mit der wir den Rest der Veranstaltung Musik hörten. Eigentlich war der Sechs-Watt-Amp mit den Job hörbar überfordert, was uns aber nicht zum Einschreiten nötigte: Analog und mit Röhre klingt auch dann noch irgendwie gut. Zwischendurch gab’s immer wieder Aktivität auf dem Vordach, tatsächlich waren wir am Ende mit dem Geschafften gar nicht unzufrieden.

Krude Pläne für den Fortgang des Projektes sind in der Mache und selbstverständlich müssen wir noch das eine oder andere Mal wiederkommen, um hier weiterzubauen. Und außerdem laufen Bernds Endstufen ja noch nicht, das Erlebnis schuldet er uns sowieso noch :-).

Wie der Samstag ausklang, mag sich der Eine oder andere denken können – es gab da durchaus Parallelen zum Verlauf der beiden vorhergehenden Abende ;-).

Nach einem sehr gemütlichen und gemächlichen Sonntagmorgen zerstreute sich die Bande dann so langsam unter mehr oder weniger großem Abschiedsschmerz in alle Himmelsrichtungen.

Klar kommen wir wieder. Weil’s wie immer klasse war. Und weil ein paar Tage mit Olli (und nicht zu vergessen Hundedame Tessa, die dieses Mal ein bisschen zu kurz gekommen ist) auf eine spezielle Art sehr erholsam sind.

Bilder. Gibt’s hier. Wenn sie nicht sowieso schon irgendwo hier in die Geschichte eingebaut sind.

3 Gedanken zu „Dann eben Rönnebeck

  1. Frédériv Bonvoust

    Hello Holger, great report, full of original ideas and what a atmosphere … for ideas, I took a few. Keep writing great stories.

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  2. Olli

    Es gibt Menschen, die sind zu irgendwas berufen. Bei Dir ist das, ganz klar, das Schreiben von solchen Geschichten. Wieder mal große Klasse. Ich brauche dringend ein Fanshirt von Deinem Blog.

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