Schinesenkram

Möglicherweise ist das der sinnloseste Artikel, den ich je geschrieben habe. Vielleicht aber kann ich ein bisschen mehr Verständnis dafür wecken, wie Dinge eigentlich gemacht sein sollten

Shanling CD-S 100 MKII

Wenn Sie schon mal im Brieden Verlag zu Gast waren, ob nun als Branchen-Insider, Klang + Ton-Hörtester oder Frickler, dann kennen Sie dieses Gerät. Unseren unverrückbaren Standard. DEN CD-Spieler. Die Maschine, die immer da ist. Was daran liegt, dass eine meiner ersten Handlungen nach Dienstantritt im August 2004 darin bestand, dieses Gerät in den verlagseigenen Hörraum zu stellen. Einen Ort, den die Maschine bis vor ein paar Tagen sechzehn Jahre lang nicht verlassen hat. Das gute Stück heißt Shanling CD-S 100 MKII.

Keine Sorge: Er funktioniert bestens. Ich habe ihn nur eingepackt, um ihm mal ein bisschen Liebe und diese kleine wohlverdiente Würdigung angedeihen zu lassen. Tatsache ist: Ich habe seinerzeit einen Testbericht über das Gerät verfasst, der in STEREO Ausgabe 07/2004 erschienen ist. Der damalige Vertrieb hat mir das gute Stück danach hochoffiziell überlassen. Eigentlich wollte ich ihm diverse Tuning-Maßnahmen angedeihen lassen, was (natürlich) nie passiert ist. Ob’s sinnvoll oder gar nötig gewesen wäre? Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Die Front ist gerade in der Reinigung

Der entscheidende Punkt ist: Der Shanling hat seitdem jeden zu testenden Lautsprecher und jeden Verstärker im Brieden Verlag eingespielt. Ich meine JEDEN. Weshalb er auf seinem virtuellen Betriebsstundenzähler vermutlich eine nennenswerte fünfstellige Zahl stehen und in all den Jahren nie auch nur das geringste technische Problem offenbart hat. Außer ein paar leeren Batterien in der Fernbedienung. Für ein verhältnismäßig unspektakuläres Gerät chinesischer Provenienz ist das mehr als nur erstaunlich.

Mittlerweile sieht sie aus wie neu, die Fernbedienung

Ja, er war dreckig. Nicht weiter erstaunlich nach all der Zeit. Allerdings nichts, was sich nicht mit Spülmittel, WD40 und dem Willen zu weitgehender Zerlegung hat richten lassen. Das Bild oben zeigt das Fernbedienungsgehäuse vor dem Saubermachen – Sie wissen, was ich meine. Jener Infrarotgeber ist übrigens schon so ein Ding, was in der heutigen Zeit keiner mehr so fertigen würde. Viel zu aufwändig mit all den einzelnen ziemlich clever im Gehäuse gehaltenen Tastenkappen:

Der Zusammenbau des Gebers ist übrigens, nur so am Rande, nix für Grobmotoriker

Je mehr ich mich mit dem Gerät beschäftige, desto mehr stelle ich fest: Ich bin angetan. Deutlich mehr noch als damals, beim Verfassen besagten Testberichtes. Das Gerät befriedigt meine Sehnsucht nach mechanischer und elektrischer Qualität in hohem Maße. Möglicherweise sind meine diesbezüglichen Standards im Laufe der Jahre ja gesunken und werden nur von Accuphase-Geräten über Wasser gehalten. Aber sowas wie das hier, das bekomme ich kaum noch in die Finger. Zum Beispiel die Frontplatte – nach der Aufarbeitung:

Sieht nicht nur massiv aus – ist es auch: die Frontplatte. Mit teilverspiegelter Display-Schutzscheibe

Das sind netto 937 Gramm Alu. Herausgefräst aus einem Block, der vorher mindestens zweieinhalbmal so dick war – die rückseitigen Befestigungsstege sind einfach mit aus dem vollen Material geholt. Vor sowas habe ich Respekt, vor allem bei einem Neupreis von unter 1000 Euro fürs Gerät.

Fürs Abtasten der CDs ist ein Philips-Laufwerk zuständig. Irgendein CDM 12.x. Ich weiß nicht genau welches, bis ins Letzte wollte ich die Maschine ohne Not nicht zerlegen. Den zusätzlich in ordentlich Aluminium (übrigens ein ziemlich teures und garantiert nur für diese Anwendung zu gebrauchendes Strangpressprofil) gepackten Laufwerksblock habe ich noch rausgeschraubt und den Chipsatz auf der rückseitigen Steuerplatine in Augenschein genommen:

Drei Millimeter Alu rundherum. Sehr okay das
Die Laufwerkssteuerung machen die besseren Chips aus dem Philips-Baukasten

Sicher, das ist prinzipiell alles nichts Sensationelles. Aber es ist gut gemacht. Ohne beliebig schmerzhaftes Rotstift-Diktat und ohne konstruktive Vollkatastrophen, die man bei Produkten aus dem Reich der Mitte ja immer mal wieder sieht. Hier wusste jemand ganz genau, was er tut.

Taster. Alu massiv. Nicht ohne Macken nach all den Jahren aber eben kein verchromtes Plastik

Wissen Sie eigentlich, was I²S (sprich: “Ei-squärd-ess”) ist? Die einzig wahre, weil kompromisslose Schnittstelle für digitale Audiodaten. Die von diversen Herstellern tönenden Equipments als das achte Weltwunder angepriesen wird und nichts anderes als eine Selbstverständlichkeit in jedem integrierten Player. Auch in diesem:

Hier kommen die Daten vom Laufwerk per I²S an

Drei Signale braucht’s dafür: Daten, Bittakt und Links-Rechts-Takt. Ich mach bei Gelegenheit mal ne separate Geschichte darüber, das ist nämlich interessant.

Vielleicht ist‘s ja noch von Interesse, was den CD-S 100 MKII sonst noch so ticken lässt. Die D/A-Wandlung übernimmt ein Burr Brown-Klassiker vom Typ PCM 1738, den‘s auch heute noch gibt. Warum auch nicht, das ist eine solide 24-Bit-/ 96-Kilohertz-Konstruktion. Okay, DSD-Daten und Hires-Zeug höherer Ordnung müssen draußen bleiben, aber das ist bei einem CD-Spieler wohl ein Problem von überschaubarer Relevanz.

D/A-Wandler und Ausgangsstufe

Der PCM 1738 verdient übrigens durchaus einen zweiten Blick, das ist kein Schlechter: symmetrische Stromausgänge, keine eingebaute Ausgangs- und Filterstufe. Damit kann man richtig zaubern, wenn man will. Shannling übertrug den Job pro Kanal zwei guten alten OPA 604 mit Beschaltung offensichtlich nach Datenblatt – auch da ist nix falsch dran. Ich hätt‘ sie nicht gesockelt, die OPs, aber Spielfreudige können so einfach mal was richtig Leckeres stöpseln.

Die Kiste hat übrigens einen eingebauten (schaltbaren) Upsampler (CS8420), der die Red-Book-Daten von der CD auf 24 Bit und 96 Kilohertz hochrechnet und so die Möglichkeiten des Wandlerchips konsequent nutzt. Ist bei uns immer eingeschaltet, die Option. Die upgsampelte Kost lässt sich bei Bedarf übrigens auch per Cinch-Digitalausgang abgreifen und einem externen Wandler zuführen. Wenn man’s denn für nötig hält.

Der Upsampler. Echt gezz, können Sie mir glauben

Und sonst? Sehr ordentliches Netzteil. Gekapselter und vergossener Trafo, separate Regler für jeden Mist und Dreck, Netzfilter. Letzteres ist übrigens, entgegen landläufiger Meinungen, bei einem Digitalgerät nicht dazu da, die Elektronik vor Ungemach von außen zu schützen. Sondern dafür, die Umwelt vor den Störungen zu schützen, die der Player ins Netz zurückspeist.

Netzfilter. Gegen Schweinkram nach draußen
Stromdings. Ordentlich und auch nach 17 Jahren noch schön leise

Ansonsten? Gute, mit dem Gehäuse verschraubte Cinch-Buchsen. Die auch nach 17 Jahren und unendlich vielen Steckvorgängen noch vergoldet sind. Drauf steht „CMC“. Ob’s Originale sind – keine Ahnung.

Gute Buchsen fürs Analoge und Digitale

Netzschalter? Jau. Hart. Beleuchtet. Rückseite.

An / aus. Steht da bestimmt

Und jetzt die Gretchenfrage: Was soll die ganze Litanei hier eigentlich? Naja: Vielleicht stolpern Sie ja mal über so ein Gerät. Vermutlich gäb’s das dann für einen schmalen Taler, so tierisch angesagt war die Maschine eigentlich nie. In dem Falle würde ich empfehlen, über die Anschaffung nachzudenken. Wenn Sie einen Sinn für echte Qualität haben, dann wäre das eine gute Wahl. Und nein, ich werde jetzt nicht anfangen über Klang zu schwadronieren: Daran hatte in all der Zeit nie jemand etwas auszusetzen.

P.S.: Shanling gibt’s übrigens noch. Nur leider machen die kein HiFi mehr, sondern nur noch Telefone, mit denen man nicht telefonieren kann. Man nennt das dann „Media Player“. Schade eigentlich.

4 Gedanken zu „Schinesenkram

  1. Olli

    Hi Holger :)Ich verstehe Dich gut. Den Shanling hatte ich auch mal laufen. Bis ihn mir ein Freund sehr hartnäckig aus dem Kreuz geleiert hat. Da tut er, nach wie vor, zur vollsten Zufriedenheit seinen Dienst. Die Cinchbuchsen sind übrigens tatsächlich original. Die hatte meiner auch.

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  2. Roberto Weberndorfer

    Ich habe zwar keinen Shanling,..aber einen Piineer PD 93. Den 25 Kg Oldschool Player habe ich 1980 gekauft,.. läuft täglich seit nunmehr 40 Jahren , ohne irgendwelche Probleme. So eine Qualität könnte ich mir Heute nicht mehr leisten.

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  3. Erwin

    Hut ab, vor der Maschine und vor dem tapferen Restaurator und Berichterstatter! Vielen Dank für den schönen Artikel. Grüße Erwin

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  4. Harry Kusch

    MOIN HOLGER, AUCH ICH HABE DEN GLEICHEN SHANLING SEIT GUT 10 Jahren im Betrieb. Das Teil hat noch nie Probleme gemacht und die Verarbeitung ist einfach SUPER. Habe das Teil damals Nagelneu bei einem Hifi Händler aus dem Norden für sagenhafte 400 Euronen gekauft gehabt. Der Händler hatte damals aufgegeben..

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