Analogforum 2019

Wir Analogis, wir haben’s gut. Einmal im Jahr sind wir nämlich ganz und gar unter uns und müssen mal keine dummen Fragen von wegen altertümlicher Technik und so beantworten. In Krefeld, da versteht man sich. Zumindest zwei oder drei Tage lang

Es war das zwölfte Analogforum in Krefeld-Traar, das die Analogue Audio Association am vergangenen Wochenende souverän über die Bühne brachte. Und – ich hätte nicht gedacht, dass ich das nochmal sagen würde – es war deutlich voller als in den letzten Jahren. Das können derzeit nicht viele Veranstaltungen zum Thema Unterhaltungselektronik von sich behaupten.

Auch wenn wir in diesem Jahr wieder keinen eigenen Messestand hatten, sind Neukollege Christian Bayer und ich schon am Freitagmittag im Mercure aufgeschlagen. Was unter Anderem daran lag, dass ein gewisses Lautsprecherprojekt dringend bei Andrejs Staltmanis abgeladen werden wollte. Sie erinnern sich, dieses 96-Dezibel-90-Liter-Kaliber mit garantiert dem Sound, der im Raum „Passion“ traditionell Pflicht ist. Ansteuerung? Selbstverständlich das 100-Euro-MM Audio Technica AT-5V unter dem Headshell des 15000-Euro-Tonarms Reed 5T.

Jo. Hat funktioniert. Über ein nicht zu leugnendes Maß an raumakustisch bedingter Oberbassaufdickung sehen wir hinweg. Jedenfalls konnte die Kette reichlich Druck und Dynamik, die günstige Horn-/Treiberkombi machte ein Klasse-Job und nervte überhaupt nicht. Wir hatten dort kurzfristig noch ein paar Tuning-Maßnahmen getroffen, die haben ohrenscheinlich ziemlich gut funktioniert.

Nach den ersten paar Platten (und Bier) war die Laune dort, wo sie hingehörte. Nach dem obligatorischen Besuch beim Stammitaliener (war klasse) wollten wir noch ein bisschen Musik auflegen. Gute Idee, was das Hotel leider nicht fand und dem Spaß ein jähes Ende bereitete. Irgendwie fand ich mich dann bei Sperling / Silberstatic / Valvet wieder, wo Tom („Der alte Dachs“) wie immer ausgezeichnete Musik auflegte. Mit den großen Elektrostaten und gemäßigtem Pegel war’s klasse, außerdem gab’s Bier ;-). Kein schlechter Ausklang für den Aufbautag.

Und am Samstag? Erst mal gucken, was Arkadi macht. Der hätte eigentlich auch schon Freitag da sein sollen und „unsere“ Anlage mit einem seiner unnachahmlichen Röhrenamps der Gattung „Eisenschwein“ ausstatten sollen. Es wurde dann ein bisschen sehr viel später. Am Samstag lief aber dann auch seine eigene Demo mit ziemlich riesigen Lautsprechern auf Altec 604-Basis und seinen Legat-Audio-Verstärkern.

Vorne dran hing ein holländischer Micro Seiki-Nachbau, für den Rainer Horstmanns neuer Tangentialarm – sagen wir mal – nicht unbedingt zu klein war. Kommt übrigens in Kürze nach Duisburg, das Gespann.

Der Sound war… ausbaufähig. In vielerlei Hinsicht. Zur Ehrenrettung des Ganzen muss gesagt werden, dass die Jungs es am Sonntagnachmittag in den Griff bekommen hatten. Und seit meinem Aufenthalt dort werde ich meinen „Don’t stop me now„-Ohrwurm nicht wieder los. Danke Christian.

Unbedingt erwähnt gehören die cleveren elektronischen Lautsprecherrelais von Amp-Master, über die ich einem der beiden großen Ausstellungsräume stolperte. Die schalten Audiosignale mit MosFets, ganz genau so, wie Accuphase das seit einiger Zeit macht. Zu den Dingern erzähle ich bestimmt noch mal mehr.

Der auffälligste Newcomer auf dem Plattenspielersektor war vermutlich mag Audio, deren offensichtlich sehr durchdachter und klasse gefertigter Plattenspieler mit Arm viel zu günstig ist. Ich wette, dass das Ding binnen eines Jahres das Doppelte kosten wird. Übrigens zeichnet dieser Hersteller auch für die Fertigung des brandneuen MalValve-Drehers verantwortlich.

Letzterer ist noch nicht ganz fertig, das Tellerlager war zu eng toleriert. Ergo: Die Terassentür musste zur Raumkühlung aufbleiben, sonst hätte das Lager geklemmt. Das gibt’s auch nicht alle Tage.

A propos günstige Plattenspieler: Das Einstiegsmodell von Pre Audio aus Polen dürfte derzeit wohl die spannendste Offerte weit und breit sein. In der der gezeigten Variante kostet das Gerät mit luftgelagertem Tangentialtonarm zweieinhalb. Das ist überaus fair, es gibt sogar noch eine Variante für 2k.

Wirklich ausgezeichnet Musik gehört habe ich an einer ganzen Reihe von Orten, zum Beispiel bei Daniela Manger, SPL und Primary Control, bei Acapella, Audio Note und bei Chris Schmauder. Die Krone würde ich Martina Schöner aufsetzen, die ist mit ihrem mittlerweile komplett aus eigenen Komponenten bestehenden Setup extrem weit fortgeschritten. Atemberaubend gut, was sie in Krefeld gezeigt hat.

Wir müssen unbedingt noch über Susanne und Martin Krenzer reden. Die sind ja vor einigen Jahren mit ihrer Phonobar nach Schweden ausgewandert. Nach Krefeld jedoch karren sie (fast) jedes Jahr ernsthafte Mengen spannendes Gebraucht-Equipment und haben sichtlich Spaß. In diesem Jahr gab’s klasse Sound aus Martins (unverkäuflichen) Fostex-Hörnern, angesteuert von mehr oder weniger schräger Elektronik. Und ich persönlich – Kay, du musst jetzt ganz tapfer sein (-; – freue mich über ein Päckchen Kork-Untersetzer der besonderen Art:

A propos „kommt mit nach Hause“: Das Thema „Pre Audio“ hat mir keine Ruhe gelassen. Danke an Björn von LEN HiFi, der den Hersteller dazu überredet hat, mir einen ihrer luftgelagerten Tangentialarme ohne dazugehörigen Dreher zu bauen. Der war rechtzeitig zum Analogforum fertig – perfekt:

Und nein, das ist kein Produkt, das können Sie nicht kaufen, das war eine einmalige Sache – ehrlich gezz :-). Natürlich werde ich berichten, wenn das gute Stück seine neue Heimat bezogen hat.

Klasse war’s. Rundherum gelungen, ganz viele liebe Menschen, tolle Musik, viel zu lernen. Ich beziehe trotz aller Anstrengung einen großen Teil meiner Energie aus Veranstaltungen wie dieser und möchte sie nicht missen.

Deswegen bin ich seit dem Wochenende auch endlich Mitglied in der Analogue Audio Association.

Meine komplette Bilderstrecke vom Wochenende gibt’s hier.

P.S.:

Kaum überraschenderweise haben Pre Audio und LEN HiFi beschlossen, den Tonarm dann doch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Avisierter Verkaufspreis (nageln Sie mich nicht drauf fest): 1700-1800 Euro.

4 Gedanken zu „Analogforum 2019

    1. hb Beitragsautor
      Der Mann hat aufgepasst .
      Tatsächlich gibt’s dafür den einen oder anderen handfesten Grund – da schreib‘ ich noch nen kleinen Artikel drüber.
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  1. Oliver Weifel

    Hallo Holger, schöner Einblick in die Messe. Das die Messe, zumindest Samstag, besser besucht war als die 2018er war deutlich zu spüren. Deine erwähnten Highlights kann man unbedingt mittragen. Wobei bei mir die Audio Note Demonstration die Nase vorne hatte. Diese Demo mit Vincent Belanger am Cello hatte im Vergleich zu den in der Szene üblichen Instrument/Setup-Vergleiche die Nase vorn. Das Timing von Vincent war atemberaubent. Die Klangfarbe des Cello zur Lautsprecher und umgekehrt war fast identisch. Und das Hotelzimmer half mit der Größe des Raumes kräftig mit, dass man als Zuhörer den Eindruck gewann das Instrument, Musiker wie auch das Setup als ein Ganzes verschmolzen. Toll. Und wenn ich Deine Bilder sehe, werde ich neidisch. Brauch unbedingt auch sowas!Eine gelungene Messe. Ich freu mich jetzt schon auf Krefeld 2019.

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    1. hb Beitragsautor
      Hi Oliver,
      ja, Vincent Bélanger habe ich in der Tat verpasst, ich wollte dort nicht auf seinen nächsten Auftritt warten. Ich fühle mich auf Audio Note-Demos immer leicht unwohl, die Atmosphäre ist mir dort immer ein bisschen zu „spooky“. Was der Qualität des dort Gebotenen sicherlich keinen Abbruch tut – insbesondere die sehr gekonnte Einbindung der Raumecken in den Sound im Bass ist großer Sport.
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