Integrita X-5 – Elektroschrott?

Auch wenn ich meine Musik vorzugsweise via Vinyl konsumiere heißt das nicht, dass mir Digitales am Allerwertesten vorbeigeht. Zumal die Beschäftigung damit manchmal unabdingbar ist. Wie zum Beispiel in diesem Falle

Das Thema dieser Geschichte ist der „audiophile Musikserver Integrita X-5“ – so hat’s der Hersteller seinerzeit jedenfalls tituliert. Eigentlich isses ein ganz normales Netzwerkspeicherdings (NAS, „Network Attached Storage“), das nach Test anno 2013 in der einsnull ein paar Jahre in der Redaktion klaglos Dienst tat und dann irgendwie bei mir hängengeblieben ist. Und dort noch ein paar Jährchen Dienst drangehängt hat. Was es auch noch weiter hätte tun dürfen, wenn nicht ein paar Umstände der unerfreulichen Art eingetreten wären.

Einerseits hat nämlich der Hersteller („Certon Systems“) gründlich das Zeitliche gesegnet, deshalb gibt’s keine Weiterentwicklung der proprietären Firmware mehr. Was, wie wir wissen, bei netzwerk- oder gar internet-angebundenen Komponenten den schnellen und sicheren Tod bedeutet. Irgendwelche Protokolle werden nicht unterstützt, Sicherheitslücken tun sich auf – so ist das halt heutzutage.

Hinzu kommt der Umstand, dass sich merkliche Probleme mit der Integrität der Daten auf den fünf verbauten 2TB-Festplatten manifestiert haben. Das hat sich zwar durch „Gesundbooten“ immer wieder hinfummeln lassen, aber so langsam wurd’s Zeit für eine echte Problemlösung – gerne auch mit etwas mehr Kapazität. Die habe ich jetzt mit einem gänzlich unaudiophilen Synology-NAS, andererseits bin ich aber noch nicht bereit, die 5000-Euro-Maschine einfach so dem Elektroschrott zu überantworten. Jepp, hier sind genügend Ansätze für Digital-Bashing vorhanden, aber das spare ich mir an dieser Stelle mal und versuche, die Situation konstruktiv anzugehen.

Reingucken hat sich, bedingt durch den bombenfest sitzenden Deckel, als ziemlich schwierig erwiesen. Genügend Kraft konnte ich erst aufwenden, als ich mit reichlich Heißkleber ein solides Kantholz auf den Deckel geklebt hatte.

Das hat erstaunlich gut geklappt und ließ sich auch rückstandsfrei wieder lösen – die Methode bleibt im Hinterkopf.

Und was steckt jetzt so drin im audiophilen Musikserver? Ein ziemlich normaler PC auf Basis eines Mini-ITX-Boards von Asus mit einer Doppelkern-CPU von AMD. Auch damals schon nicht der Performance-Champion, aber passiv gekühlt und halbwegs sparsam.

Es stecken 4 GB RAM drauf, für eine solche Anwendung sollte es das tun. Die komplette Be- und Entlüftung des Geräteinneren obliegt einem definitiv guten 120-Millimeter-Lüfter:

Das einzig „Audiophile“ neben dem hübschen Alugehäuse mit extradicker Front ist ein Netzfilter am Spannungseingang:

Das Mainboard verfügt über fünf SATA-Festplattenanschlüsse und deshalb wurden auch – richtig: fünf Festplatten verbaut. Die eingesetzten „Pipeline“-Typen von Seagate kannte ich bis dato überhaupt nicht, sie sind auf alle Fälle ausgesprochen leise.

Wenn ich das richtig sehe, wurden die Platten in einem RAID-6-Verbund betrieben, was über die Jahre ja auch gut funktioniert hat. Da eine detaillierte Diagnose des Zustandes der Festplatten mit Bordmitteln nicht möglich war, habe ich sie alle ausgebaut und der Reihe nach an einen Linux-PC gehängt. Unter Windows war ein koordinierter Zugriff nicht möglich, auch die Seagate-eigene Diagnose Software stellte sich als funktionsuntüchtig heraus. Unter Linux hingegen war das alles ganz einfach – mit nicht unbedingt erfreulichen Ergebnissen:

Was ich da oben auf die Platten geschrieben habe, ist die jeweilige Anzahl der kaputten Sektoren. Ergo: Zwei sind makellos, eine fast fehlerfrei, eine „naja“ und eine Schrott. Davon weiterverwenden würde ich nur die beiden fehlerfreien Exemplare.

Wie aber weiterverwenden? Vielleicht als Backup-Medium mit USB-Adapter. In einer NAS-Umgebung machen zwei davon heute wohl nicht mehr viel Sinn. Und was mach ich jetzt mit dem Integrita, zumal ohne Festplatten? Man könnte ja neue einbauen. Da die Firmware des Gerätes aber, so wie es aussieht, auf den Festplatten gespeichert war, gibt’s die jetzt schlicht nicht mehr. Allerdings würde sich jetzt der Umstand auszahlen, dass wir es hier eben mit einem ganz normalen PC zu tun haben. Darauf ließe sich ohne Probleme ein Open Source-NAS-Betriebssystem à la TrueNAS oder Open Media Vault installieren. Ich habe noch zwei passende DDR3-Speicherriegel, mit dem sich der Rechner auf etwas zeitgemäßere 8 GB RAM aufrüsten ließe. Aufgeben müsste man das Display in der Front und den Drehencoder, aber das wäre zu verschmerzen.

Ginge also, wenn man denn wollte. Im Moment will ich aber mangels Bedarf nicht und bin heilfroh, dass ich meine Daten noch aufs neue NAS hinübergerettet bekommen habe. Was jetzt aus dem Integrita wird? Erst mal ein Staubfänger. Was irgendwie schade ist. Und zu lange sollte das auch nicht so bleiben, denn dann dürfte eine Wiederbelebung keinen Sinn mehr machen.

8 Gedanken zu „Integrita X-5 – Elektroschrott?

  1. Mark Scheller

    ….wenn du ein NAS bereits hast, mach eine kleine SSD rein (in den Integrata) und ROCK drauf. Das NAS mit der Musikbibliothek dann mappen. Hat bei mir mit einem untermotorisierten DIY Server ( lüfterlos, Plex,…) entgegen den Roon Server Voraussetzungen sehr gut geklappt.

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    1. Jan

      Was ist denn ROCK? Das klingt interessant für meinen in die Jahre gekommenen DIY Wohnzimmer PC – der ganz ähnlich aufgebaut ist, wie die Integrita Kiste. Hat allerdings nur knapp 1k gekostet inklusive Gehäuse im HiFi Format.

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  2. DerAlteDachs

    Bestätigt mal wieder meine Theorie: Kauf niemals nicht irgendwas an Audiokram wo Festplatten eingebaut sind und was dir keine vernünftigen Sicherungen erlaubt.

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  3. Gizmo

    Da bei der Integrita X-5 offensichtlich auf übliche Standards der IT geachtet wurde, lässt sich doch vermutlich noch einiges daraus machen das in einem schicken Gehäuse verpackt ist. Übrigens ist d as Display je nach Typ und Anbindung nicht unbedingt verloren. In der Regel wurde so etwas früher mit lcd4linux gemacht. Ein RAID6 mit einer ungeraden Anzahl Festplatten ist nicht ganz optimal. Da eine ungerade Anzahl Platten vorliegt könnte auch ein RAID5 vermutet werden.FreeNAS/TrueNAS für alle die BSD mögen eine gute Wahl, die Linuxer gehen eher mit OMV von Volker Thiele. Im übrigen beides zuverlässige und stabile Systeme die mal miteinander zu tun hatten.Die Synology/QNAP/Thecus/… sind vielleicht nicht die audiophilen Geräte vor dem Herrn, erledigen aber den Job zuverlässig und stressfrei. Die Bastelei entfällt…Bleibt noch das Thema mit den Daten und da ist es wie so oft: Ein RAID aus mehreren Platten ist kein Backup. Eine sinnvolle Konstruktion bedingt mindestens den Medienbruch, sprich eine Kopie auf einem oder mehreren unabhängigen Medien. Im Falle einer Synology durch Replikation auf ein zweites (entfernt stehendes) System oder im einfachsten Fall auch eine schnöde lokal eingesteckte externe USB Platte. Die Wahl wird dabei häufig von der erforderlichen Verfügbarkeit der Daten abhängig gemacht.

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    1. hb Beitragsautor
      Der Giz… da taucht der nächste Kumpel von damals aus der Versenkung auf… schön von dir zu hören :-).
      Unterschreibe ich alles, was du da sagst. Die Hardware-Anbindung des LCDs und des Encoders habe ich mir noch nicht angesehen, gebe dir aber Recht, dass das wohl rettbar wäre, wenn man’s drauf anlegen würde.
      Backups bei mir erfolgen übrigens exakt so, wie du’s vorgeschlagen hast – mit eingestöpselter USB-Platte. Zu selten, wie wohl bei jedem nicht professionellen Anwender, aber prinzipiell schon. OMV sagt mir gar nichts, gucke ich mir an.
      Danke!
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      1. Gizmo

        Yeah, ein routinemäßiger Fly-By auf hb hifi mit nem neuen Artikel bei dem ich mir anmaße mitreden zu können. Wunderbar, also los gehts mit dem Retten der Integrita X-5…? 😉 Dann alles richtig gemacht und jetzt noch die Syno dazu bringen die Backups automatisch und regelmäßig nach Backuplan zu erledigen damit man das nicht vergisst. Kein Problem, das Feature ist eingebaut, sogar mit Time-Machine Möglichkeiten a la (C) Apple wenn ich mich recht erinnere.OMV kennst du und hast du auch oben schon erwähnt: Unter Freaks als die Kurzform von OpenMediaVault bekannt…PS: Danke gleichfalls, long time no see…

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  4. Oliver Imle

    Deswegen hasse ich das Zeugs. Du sammelst und ordnest und nach ein paar Jahren ist alles weg und Schrott. Wenn du nicht gerade Computer Nerd oder Ingenieur bist. Daher denke ich auch für viele die Faszination von Vinyl. Ne 60 Jahre alte BlueNote ist Faszination in jeder Hinsicht und bleibt mehr als ihr Geld wert

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