Die Monster sind los

Unterfranken also. Als in dieser Region des Landes vollkommen Unbedarfter hätte ich das Maintal eher nach Hessen verortet, aber ich bin ja lernfähig. Der Grund für die kleine Geografiestunde war ein Angebot, das ich unmöglich ablehnen konnte

Man sollte halt immer fein aufpassen, was man so erzählt. Und wieso muss ich Depp den Multicell-Guru Markus Klug auch danach fragen, ob er vielleicht ein paar Tipps zur Realisation eines Pärchens Altec 1803B hätte. Was übrigens die größten Hörner dieser Bauart waren, die der kalifornische Hersteller je produziert hat.

Hat er schon zweimal gemacht, der Markus – war doch klar. Und anstelle mir Tipps zu geben, könnte ich ihn doch vielleicht endlich mal besuchen kommen und ein Paar davon mit ihm zusammen auf die Beine stellen. Wie soll ich das denn bitteschön ablehnen?

Der Haken an der Nummer ist, dass ich dann anstelle einer spinnerten Idee tatsächlich ein Paar 1803B hätte. Was erstens untergebracht und zweitens artgerecht betrieben werden will. Was, wie hier deutlich zu sehen ist, gut überlegt sein will. So reizvoll der generöse Abstrahlwinkel und die tiefe untere Grenzfrequenz auch sein mögen, das Ding ist ungefähr so breit wie eine meiner großen JBLs. Was, um alles in der Welt, will ich damit? Die Antwort auf diese Frage gibt’s später.

Die Reise nach Klingenberg gestaltete sich in vielerlei Hinsicht denkwürdig. Was mit stundenlangem Dauerregen und maximal Tempo 70 auf der Autobahn zusammenhing – die gebietsweise tragischen Folgen der Witterung sind ja hinreichend bekannt. Im Zuge dessen sammelte ich irgendwo diesen ungewöhnlichen blinden Passagier auf, der sich in einem denkbar ungünstigen Moment in mein Sichtfeld schob. Just schickte sich direkt vor meiner Nase nämlich ein über drei Fahrspuren wedelndes Polizeifahrzeug mit Blaulicht und einem blinkenden „Sperrung“-Schild an, meinen Tag weiter zu verkomplizieren. Die Kurve von der A3 auf die A67 habe ich so gerade noch gekriegt, was sich im Nachhinein als völlig richtige Entscheidung herausstellte.

Die Zielgegend erweist sich als idyllisches Rotweinanbaugebiet, der Gastgeber lebt mit Gattin und zahlreichen tierischen Haus- und Hofgenossen auf einem sehr einladenden rund 200 Jahre alten Anwesen. Und wenn Markus Klug im alten Kuhstall nicht gerade ein Paar seiner einzigartigen Buchensperrholz-Multicells baut, dann bedient er entweder beruflich schweres Baugerät, bespaßt die beiden imposanten Hundedamen Ella und Frieda oder kümmert sich um die „Insassen“ der hauseigenen Aufzuchtstation für Raben und Krähen. Langweilig isses da jedenfalls nicht eine Sekunde am Tag. Und nach einem Blick auf die wunderbar flüssig und stimmig spielende Anlage in der Klug’schen guten Stube geht’s dann ans Eingemachte.

Eigentlich hatte ich ja gedacht, ich komme zur ernsthaften Schufterei nach Klingenberg, aber ganz so hart ran wollte ich dann doch erst mal nicht. Weil: Der Hausherr hat seinen Prozess beim Hörner bauen schon echt gut im Griff. Und der Gefahr, dass ich durch gut gemeintes Einmischen mehr schade als nutze, wurde ich mir ziemlich schnell bewusst. Von daher habe ich mich zunächst aufs Zugucken, Lernen und hier und da mal Betätigen des Kameraauslösers beschränkt.

Markus‘ Hörner bestehen aus Buchensperrholz, er wählt das Material um so dicker, je größer die Trichter werden sollen – ist ja logisch. Bei den echt großen 1803B muss es dann schon fünf Millimeter starkes Material sein, und davon nicht wenig: zweimal 18 Trichter, das macht 144 Einzelteile, die alle einzeln grob vorgesägt und anschließend auf Maß gefräst werden wollen. Beim Zusammenleimen helfen diverse Holzrähmchen, dann sieht’s schon wie ein Trichter aus.

Alles gut abgezirkelt, die kleinen Tricks stecken wie immer im Detail, und: Für ein Paar 1803B muss man das halt 36 mal tun. Markus sagt: Für ein Paar solcher Hörner braucht er gute zwei Wochen. Das ist definitiv nicht übertrieben und mir würde auch nichts einfallen, wo man da noch massiv Zeit sparen könnte.

Ich wollte schlichtes Schwarz, wir haben uns auf eine dunkle Beize geeinigt, die dem Ganzen ein stilechtes Vintage-Dunkelgrau verleiht. 36 Hörner innen und außen beizen, danach zweimal mit Zwischenschliff klarlackieren. Dabei konnte ich mich ab Tag zwei meines Besuchs wenigstens ein bisschen nützlich machen und nicht ausschließlich den Meister bei der Arbeit bewundern. Mit unserem Output an diesem Tag waren wir jedenfalls sehr zufrieden.

Tags drauf kamen wir sogar noch etwas besser in Schwung. Als ausgesprochen hilfreich erwies sich der Umstand, dass das Wetter mitspielte und Leim-, Beize- und Lacktrocknungsprozesse draußen in der Sonne passieren durften, was die Sache deutlich beschleunigte. Und so gab’s am späten Freitagnachmittag das erste Hornmonster mit allen 36 Zellen zu bestaunen.

Damit lassen wir den arbeitsreichen Teil meines Besuches zunächst hinter uns und widmen uns der ziemlich großartigen Freitagabendveranstaltung, die ausnehmend gut von der feinen VIntage-Anlage im Klug’schen Erdgeschoss befeuert wurde:

Markus‘ Variante eines Altec-Sektoralhorns vom Typ 511 haben wir mal anstelle des serienmäßgen Mitteltontrichters der Klipsch Belles probiert, aber ziemlich schnell wieder zurückgebaut – das Buchenhorn erwies sich als deutlich zu laut. Nach dem Experiment allerdings lief’s wie geschmiert: Die stilechte Harman Kardon-Anlage inklusive Plattenspieler mit Rabco-Tangentialtonarm erwies sich als das exakt richtige Mittel, um die anwesenden eher erwachsenen Herren die Musik ihrer Jugend so richtig schön amerikanisch-blumig-fett um die Ohren zu hauen. Ganz, ganz großartig. Und gänzlich unaudiophil, schon wegen des ungenierten Gebrauchs des Fünfband-Equalizers am Vorverstärker. Es hat nicht geschadet – im Gegenteil.

Das alles ist jetzt gut anderthalb Wochen her, das reale Leben hat mich lange wieder und meine Pläne, mich zu einem weiteren Baustellentermin nach Klingenberg abzusetzen, sind mittlerweile von der Realität überholt worden. Markus hat die beiden 1803B nämlich in der Zwischenzeit einfach fertiggestellt. Und natürlich noch ein paar Adapter zum Anschluss an zweizölliges JBL-Alteisen dazu. Und ich bin ein bisschen sprachlos ob des umwerfenden optischen Eindrucks der beiden Kunstwerke:

Damit endet diese Geschichte ein wenig abrupter, als ich das eigentlich gedacht hatte. Einstweilen gilt es, den Transport der Schätzkes ins Ruhrgebiet zu koordinieren. Eigentlich hatte ich vor, bis zum Frickelfest in der letzten Augustwoche noch einen spielfertigen Lautsprecher mit den beiden Monstern zu realisieren, aber das scheint im Moment ziemlich unmöglich zu schaffen zu sein. Davon ab hätten in diese Geschichte viel mehr Bilder von Hunden, Raben, Äbbelwoi und anderen Spezialitäten des Klug’schen Biotops gehört, aber das vertagen wir aufs nächste Mal.

Einstweilen bleibt mir nur, abseits allen Hornkrams vor der wirklich überschäumenden Gastfreundlichkeit des ganzen Hauses Klug zutiefst bewegt den Hut zu ziehen. Bei euch isses echt großartig, ich freue mich wie Bolle aufs nächste Mal.

Richtig, Bilder. Gibt’s hier.

10 Gedanken zu „Die Monster sind los

  1. Roberto Weberndorfer

    Hallo Holger,…sehr spannendes Projekt. Die Hörner sind optisch und Handwerklich super gemacht, großes Kompliment an den Erbauer.Markus Klug. Ich stöbere immer wieder gerne auf deiner Website,…zumal dein Schreibstil unverkennbar ist. Freu mich schon auf die Fortsetzung… LG Roberto

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  2. Oliver Weigel

    Hallo Holger, ein sehr schön geschriebener Bericht über
    Deinen „Workshop“ im nördlichsten Unterfranken.

    Markus erwähnte gestern bereits, dass du mit sehr viel Spaß und Engagement beim
    Erstellen deiner „Monsterhörner“ dabei warst. Kann es sein, das Du de
    Dimensionen der nicht erwähnt hast? Markus und ich saßen gestern beim Kaffee
    zusammen und haben noch gewitzelt das Du vielleicht zwei kleine Lämpchen in die
    mittlere Ebene einziehst. Und auf Befehl schaut dann den Zuhörer wirklich ein
    „Monster“ an. Egal wie, viel Spaß mit dem Pärchen. Vielleicht
    veröffentlichst Du ja auch zu einem späteren Zeitpunkt das finale Ergebnis
    deines Multicell-Projektes.

    Schöne Grüße aus dem sonnigen Grevenbroich.

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    1. hb Beitragsautor

      Hi Oliver,
      du kannst ganz sicher sein, dass ich das Projekt mit den Hörnern ausführlich dokumentieren werde- Das mit den Leuchten, das hat was…
      LG: Holger

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  3. Kay Spiecker

    Halo Holger,da geht einem doch das Herz auf. Dein Bericht ist sehr inspirierend.Markus kommt ja auch zum FF. Warn ihn schon mal vor mir ;-)Bis zum FFLG Kay

    Antworten
  4. Frédéric BONVOUST

    Hello
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    Antworten
    1. hb Beitragsautor
      Hi Frédéric,
      thank you very much for your kind words. Glad you like my little island for people with a little more special taste in audio reproduction.
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      If I can be of any assistance with your project – let me know.
      Best regards from Duisburg: Holger
      Antworten
      1. Frédéric BONVOUST

        Hello Holger, thank you for the quick and very warm message. In addition to the specific topics you write, you form a wonderful team of friends with who your exchanges are very interesting.On my speakers, I have two JBL 2461 with phenolic diaphragm and two Fostex T925 tweeters. Currently, my difficulty is to make the filter, I have no information to build it. Either I do it entirely passive or bi amplified with active filter between bass and medium / treble channels. What can you advise me ?Actually, I’m restoring two English monoblocks equipped with 6C33 triodes which will drive my mini-onken / JBL speakers.I have from some years two Michaelson & Austin M100 monoblocks in perfect condition with PMC Twenty5 and I also have many other things I bought (I can no longer count …).Good luck for the next Frickelfest. We look forward to reading the report.Best regards. Frédéric.

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  5. Michael Vogel

    Hi Holger,sehr geiles Horn. Kommt denn ein JBL 2″er so tief runter, das Horn kann man ja gut und gerne bei 300Hz einkoppeln, mit 24db Weiche vielleicht sogar noch tiefer.lg micha

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    1. hb Beitragsautor

      Der einzige Vintage-JBL, mit dem das geht, ist der Phenolharz-Zweizöller 2482. Erfreulicherweise habe ich da noch ein Pärchen mit Originalmembranen ;-).

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  6. Georg Kühner

    Herrlicher Bericht,macht Lust auf mehr – da geht Jemand seinen eigenen und kompromisslosen Weg.Sehr inspirierend.Bin schon auf die Fortsetzung gespannt…Liebe Grüße Georg K.

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