Norddeutsche HiFi-Tage 2020

Das war’s. Zappenduster. Geschichte. Er fällt, der Turm.

Der Turm des Holiday Inn nämlich. Eine Zierde fürs Umland war er schon länger nicht mehr, und jetzt kommt er wech. Was für die zweitgrößte und fürs einheimische vielleicht wichtigste HiFi-Show bedeutet, dass sie ab dem kommenden Jahr umziehen muss. Tut sie, und zwar hierhin. 21 Salon- und Ausstellungsräume, 128 Zimmer und Suiten. Das wird eng. Der Veranstalter täte gut daran, sich in Bälde mal dazu zu äußern, wie er sich das gedacht hat.

Zunächst jedoch soll’s ums Hier und Jetzt gehen, die finale Show im Holiday Inn hatte nämlich Einiges zu bieten. Einen Ausblick auf den ersten Transrotor-Tonarm zum Beispiel, der eine ziemlich direkte Folge ist aus der nur zu Kopfschütteln Anlass gebietenden Entscheidung von SME, überhaupt keine einzelnen Tonarme mehr zu verkaufen. Oder den ersten Plattenspieler von Revox seit den seligen Tangentialarmmodellen von… damals halt. Ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster und behaupte, dass der Neue in Erlangen entsteht. Was ja durchaus eine gute Entscheidung gewesen sein kann.

Wenden wir uns kurz Dingen zu, die mich etwas direkter betreffen, also dem hier:

Richtig, Andrejs Staltmanis hat wieder unsere „Green Machine„, jenes ziemlich großartige Etwas-anders-Boxenprojekt aus Klang + Ton 1/20, auf eine „richtige“ HiFi-Messe gestellt. Dass der Preis des ansteuernde Equipment den Bausatzpreis der Lautsprecher um diverse hundert Mal übersteigt, stört ihn dabei wenig – im Gegenteil: Man darf alles tun, solange es rockt. Und das tat es mal wieder – vielleicht noch etwas mehr als sonst. Was vermutlich der neuesten Inkarnation von Andrejs ziemlich abgeknallter Halbleiterphonovorstufe mit per Röhrengleichrichter gespeisten Schaltnetzteilen geschuldet ist. Vorne dran spielt natürlich ein Audio Technica-MM im 15000-Euro-Tangentialarm von Reed. Dieser Wahnsinn hat Methode, glauben Sie’s mir.

Ausflug in die oberen Gemächer, sprich: in die drei nur mit viel Geduld (Aufzug) oder Puste (18 Stockwerke zu Fuß) zu erreichenden Regionen der Norddeutschen HiFi-Tage. Hier hatten die Hamburger in Gestalt von Arndt Rischmüller (H.E.A.R) und Christian Isenberg die Sache klanglich und musikalisch (sowieso) ziemlich gut im Griff – wie gewöhnlich. Fun Fact aus dieser Ecke: Lieblingsplattenspielerbauer Simon Yorke macht nach seinem bedauerlichen Ausstieg vor ein paar Jahren wohl doch weiter – en bisschen jedenfalls.

Was zum allseits beliebten Kapitel „Best Sound Of The Show“: Da hab‘ ich zwei Kandidaten im Angebot. Einer ist die ebenfalls in Hamburg ansässige Firma Lyravox, die mit ihrem neusten, weder ganz fertigen noch besonders günstigen Ableger der (ich glaube) aktiven Karl-Baureihe sowas von stabil, präzise, knochentrocken und rundum richtig gespielt haben, dass ich echt dumm geguckt habe. Eigentlich nicht so mein Sound, weil nicht dreckig genug, aber HiFi vom Feinsten.

Ganz anders, aber mindestens genau so großartig spielte der neue Breibandlautsprecher „Phi“ von Trenner & Friedl. Von den Kreationen der Österreicher bin ich seit vielen Jahren extrem überzeugt und ein paar davon habe ich ja schon in der „LP“ vorgestellt. Dieses wunderbar entspannt, ungefärbt und frei spielende Kunstwerk da oben würde ich liebend gerne auch mal in die Finger bekommen, aber der Deutschlandvertrieb lässt mich seit Jahren freundlich lächelnd in der Luft hängen. Was um so bedauerlicher ist, als dass er nunmehr auch die absolute Top-Elektronik von Jeff Rowland unter seinen Fittichen hat, wozu ich sicherlich noch das Eine oder Andere zu sagen hätte. Los, Romeo, lass uns endlich mal was miteinander auf die Reihe kriegen.

Ich erspare Ihnen Geschichten aus der Mühlenklause, der großartigen Kneipe nur ein paar Meter vor dem Holiday Inn, in der vor 30 Jahren jemand den Stecker der großen Uhr aus der Wand gegen hat und in der die Zeit seitdem steht. Das waren zwei denkwürdige Nächte, die meiner Form an den beiden Messetagen nicht gutgetan hat, aber das war’s wert.

Und sonst? Der vietnamesische Hersteller Thivan Labs baut jetzt auch einen relativ „normalen“ Lautsprecher, der in Hamburg sofort hellhörig machte. Da gibt’s übrigens auch eine brennend interessante Phonovorstufen-/Übertragerkombi, die gerade bei mir… das kommt später.

Und fast hätte ich ein Paar JBL M2 gekauft, einen der wohl spannendsten professionellen Lautsprecher am Markt. Der Preis war wirklich gut, aber dann wurde mir bewusst, dass ich nicht davonkommen würde, ohne noch einen richtig dicken Stapel Scheine in eine fette Crown-Vierkanalendstufe mit DSP-Frontend zu investieren – das hätte den Rahmen dann komplett pulverisiert.

Okay. Da soll’s erst mal gewesen sein. Und sie wollen bestimmt noch Bilder gucken – kein Problem.

7 Gedanken zu „Norddeutsche HiFi-Tage 2020

  1. Dirk

    Mal wieder sehr schöne Bilder von Dir, vor allem die auf denen die Stadt zu sehen ist. Klar, eine Menge post processing, aber das ist ja erlaubt.Die 60er-Jahre Schreinerarbeiten, die in Deinen Bildern vom Messegerümpel immer mal wieder in den Ecken auftauchen sind echt schrill.Das gezeigte HiFi-Zeugs ist mir irgendwie zu viel, zu teuer, zu aufdringlich. Für mich lieber was vom Wertstoffhof mit hübschen DIY-Boxen.

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  2. Thomas Müller

    Wir sind am Sonnabend dort gewesen. Vieles war wegen Überfüllung nur sehr schlecht zu bestaunen.Interessant fand ich die Kopfhörerverstärker-Fraktionen. FiiO kennt man ja, aber die russischen KH-Amps von Auris fand ich sehr spannend. Vor allem Euterpe.https://aurisaudio.rs/en/products/headphone-amplifiers/euterpe-multifunctional-headphone-amplifier-in-wooden-enclosureDer kleine Cayin Stand auf dem Flur mit diesem irren Verstärker HA300.Wenn das andere Hotel noch kleiner ist, oha.Viele GrüßeUXma

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  3. DerAlteDachs

    Wie immer schicke Bilder, Holger !M2 …. wenn ich mich richtig erinnere gibts in den Weiten des WWW durchaus Leute, die die notwendigen Filtereinstellungen dokumentiert haben. So könnte man z.B. auch mit einem Rudel nCores + DSP (oder deren Plate-Modellen) auf die Gute losgehen ohne direkt den letzten Notgroschen opfern zu müssen.

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    1. hb Beitragsautor
      Ja, das könnte durchaus hinkommen. Auf der anderen Seite weißt du dann auch nicht, was du da eigentlich hast. Erst einmal ist eine M2 nichts anderes als eine Schachtel mit zwei Treibern drin und der Rest liegt bei dir.
      In Anbetracht der beiden kommenden Doppelfünfzehnzoll-Projekte wäre das vermutlich kontraproduktiv gewesen ;-).
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  4. Roland Schäfer

    Hallo Herr Barske,schade, dass Sie diesmal nicht bei uns in Raum 343 mit dabei waren – im Unterschied zu den Westdeutschen HiFi-Tagen hatten wir auch diesmal „Tool“ lauffähig :-)Viele Grüße,Roland Schäfer

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    1. hb Beitragsautor

      Ah, ja, GGNTKT… Ich hatte definitiv vor vorbeizukommen. Aber die Show ist so groß geworden, dass ich die DSP-Lösungen diesmal den Kollegen von der Digitalfraktion überlassen musste. Aber wir kriegen das bestimmt mal in anderem Rahmen hin .
      Viele Grüße aus Duisburg!

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