JBL 4435. Eigentlich

Am vergangenen Wochenende war ich in Braunschweig, um eine Bildungslücke zu schließen: Bei meinem Kumpel Falk steht nämlich neuerdings ein Paar originaler JBL 4435, die es zu verköstigen galt. Haben wir gedacht

Nun habe ich ja durchaus schon die eine oder andere mehr oder weniger dicke mehr oder weniger klassische JBL gehört, aber die hier fehlte mit noch: die mächtige 4435, so etwas wie der direkte Nachfolger meiner 4355. Ebenfalls eine nicht ganz kompakte Angelegenheit mit Doppelfünfzehnzollbestückung, aber nur zweieinhalbwegig: Im Bassbereich malochen zwei 2234H, von denen einer schon bei 100 Hertz wieder ausgekoppelt wird. Der zweite läuft bis ein Kilohertz, wo das berühmte „Arschbackenhorn“ 2344A mit angeflanschtem Treiber vom Typ 2425 oder 2426 (1″ Schallaustritt, 44 mm Titanmembran, Ferritantrieb) übernimmt. Also eine ganz andere Nummer als meine klassisch vierwegige „Dicke“, weshalb mich das klanglich brennend interessiert hat.

Falk hat eine (sehr fein selbst gebaute) 4430, das ist die verkleinerte Version der 4435 mit nur einem Bass, die mich beim Frickelfest Essentials in Worpswede vor zwei Jahren ziemlich beeindruckt hatte. Kurz danach habe ich mir zur Sicherheit mal zwei solcher Horn-/ Treiberkombis besorgt – kann ja sein, dass man sowas mal braucht…

Nach ein wenig Warmwerden mit der 4430 ging’s in die oberen Gemächer von Falks Behausung, ein Zimmer dort wird seit Kurzem von den großen Modellen beschallt. Der Kenner erkennt am Bild oben sofort, das JBL-Vollnerd Olli aus Bremen nicht fern sein konnte, weil die untrennbar dazugehörige Gelbbackendame Tessa mal wieder betont unaufgeregt sämtliche Dezibelattacken über sich ergehen ließ.

Nach den ersten paar Titeln vom Benz-bestückten und röhrenvorverstärkten Linn-Dreher waren wir uns einig: Irgendwas ist nicht ganz richtig hier. Irgendwas kratzt, es hängen seltsame Rauschfahnen an jedem ausklingenden Ton, der Oberbass ist zu dick, so richtig Freude wollte sich nicht einstellen. Ich hatte erstmal den Plattenspieler im Verdacht, woraufhin der unten im Wohnzimmer seinen Dienst verrichtende Thorens nach oben bugsiert wurde und die Zulieferarbeit übernahm.

Ja, besser. Eigentlich. Oder doch eher anders komisch? Allgemeines Kopfkratzen. Das Abrücken der der Boxen um einen halben Meter von der Rückwand half auch, aber so richtig glücklich waren wir nicht. Ob da nicht doch vielleicht irgendwas faul ist mit den JBLs? Und dann passierte das, was halt passiert, wenn Olli dabei ist:

Irgendeine Verpolung konnten wir nicht feststellen. Olli brauchte jedoch nicht lange, um bei den Bässen nebst kosmetischer Unerfreulichkeiten echte Probleme zu diagnostizieren: Bei allen vier Treibern war die Verklebung zwischen Sicken und Membranen in Teilbereichen schlicht nicht vorhanden und die Luft pfiff ungeniert durch. Von außen war das kaum festzustellen, weil sich die Verklebungen auf der Membranrückseite gelöst hatten. Da war er wieder: der qualifizierte Fachbetrieb, der das „Neubesicken“ der Bässe besorgt hatte. Darüber reden wir noch.

Also: kurzerhand die vier Tieftöner ins Esszimmer verfrachtet und zur Reparatur vorbereitet. Weil Olli ja das Haus nicht verlässt, ohne zufällig alles dafür Notwendige dabei zu haben.

Uwe leuchtet, Olli klebt – die beiden Herren hatten das Procedere bestens unter Kontrolle. Und weil der schwarze Spezialkleber von der ziemlich zackigen Sorte ist, konnten wir das Ganze schon nach einer Stunde oder so wieder zusammenbauen – so richtig PA-Pegel waren ja beim kommenden Geschehen nicht zu erwarten.

Tja – was soll ich sagen? Der Unterschied zu vorher war nicht weniger als erschütternd. Sämtliche merkwürdigen klanglichen Artefakte waren schlagartig verschwunden, auf einmal stimmte der Anschluss zwischen Mittel- und Hochtonbereich auffallend gut und die Dinger machten echt amtlich Musik. Die 4435 ist nicht umsonst einer der erfolgreichsten Monitorlautsprecher der Studiogeschichte, man hört ihr den professionellen Charakter jederzeit an. Ich höre hier und da von Leuten, denen der oberste Hochtonbereich ein wenig zu unterbelichtet ist – das kann ich nicht bestätigen. Zwar gehört der dazugehörige Pegelsteller an der Boxenfront auf Rechtsanschlag, aber dann passen die Verhältnisse ausgezeichnet. „Arschbacke“ und Titan-Einzöller harmonieren vorzüglich, die Kombi generiert ordentlich Auflösung und enthält sich komplett einer Meinung in puncto Tonalität. Vor allem näselt es auch nicht im Geringsten, keine Spur von typischen Hornverfärbungen. Sehr gut.

Im Bass tobt das Ganze ohne jeden Zweifel so, wie man das bei der Membranfläche erwarten darf. Auch hier geben sich die Klassiker erstaunlich diszipliniert. Das ist nicht so ganz der klassische Vintage-JBL-Sound, den ich zum Beispiel neulich in Münster hochgradig überzeugend in die Bauchgegend gedrückt bekommen habe. Die 4435 ist definitiv geradliniger und, wenn man ein so schwierig besetztes Wort gebrauchen will, auch irgendwie nichtssagender. Aber genau das soll ein professioneller Monitor wohl leisten.

Jedenfalls haben wir uns noch bis morgens um vier ordentlich geföhnt, selbstverständlich Tools nach wie vor ungeheuerliche Fear Inoculum via nicht so richtig legalem, aber ausgezeichnet produziertem Vinyl verköstigt, jede Menge Bier getrunken und alles war gut. Eigentlich.

Wenn nicht Olli am nächsten Vormittag beim Frühstück von seiner zwanghaften JBL-Neurose gepackt worden und auf die Idee verfallen wäre, die schlampig verklebten Dustcaps der Bässe unter reichlich Aceton-Eisatz abzulösen, die unschönen Kleberreste zu entfernen und das Ganze sauber wieder miteinander zu verkleben. Nur leider bot sich unter der ersten Pappkalotte folgendes Bild:

So sehr wir uns auch über die seltene Gelegenheit gefreut haben, mal einen originalen JBL-Massering zu Gesicht zu bekommen, so unerfreulich ist seine Anwesenheit an dieser Stelle jedoch: Er macht nämlich aus dem etatmäßigen 2234H einen 2235H, und der hat in der Box nichts zu suchen. Nun sind die 35 Gramm Zusatzmasse kein Beinbruch, stimmen das Tieftonsystem aber anders (tiefer) ab und reduzieren den Wirkungsgrad ein wenig.

Der langen Rede kurzer Sinn: Original ist das nicht. An ein Entfernen der mit Epoxy verklebten Ringe ist nicht zu denken. Aus der Nummer kommt man nur mit einem Reconing oder komplettem Treibertausch heraus. Wie es unter den anderen Dustcaps aussieht wissen wir noch nicht, die fortschreitende Uhrzeit bremste unseren Forscherdrang dann auch ziemlich ein.

Das mit „mal eben ein Paar originaler 4435 anhören“ war also nix. Nach unbedingt erforderlicher Reparatur ist’s nun vermutlich recht nahe dran am Original, aber genau lässt sich das im Moment noch nicht sagen.

Aus dieser Geschichte lassen sich ein paar Lehren ziehen, die ohnehin keine ganz neuen Erkenntnisse sind: Augen auf beim Alteisenkauf. Gerade alte JBL- und Altec-Treiber verfügen in aller Regel über eine sehr bewegte Vergangenheit und man weiß grundsätzlich nicht, wer mit wieviel Sachverstand und Willen zu professioneller Reparatur daran schon herumgeschraubt hat. Der Vorbesitzer dieses Paars 4435 ist definitiv als seriös einzuschätzen (selbstverständlich kenne ich den, wie sich hinterher herausgestellt hat – war doch klar) und hat sich fürs Aufarbeiten seiner Tieftöner in vermeintlich professionelle Hände begeben – das war allerdings wohl nix.

Ich sehen das mittlerweile so: Wenn ich alte JBL-Treiber kaufe, dann sind das für mich Körbe und Magnete. Membranen und Schwingspulen sind grundsätzlich weit von dem Zustand entfernt, den der Verkäufer versichert. Man muss die Dinger fast immer neu aufbauen. Inklusive Aufmagnetisierung bei Alnico-Antrieben. Und das mit anschließender Messung der vorhandenen Flussdichte im Magnetspalt. Alles andere ist Selbstbetrug und rächt sich in den allermeisten Fällen.

Da ich weder Ollis Telefonnummer noch seine Email-Adresse für solche Fälle herausrücken werde, empfehle ich bei der Aufarbeitung von JBL-Alteisen das Kontaktieren definitiv fähiger und seriöser Profis. Einer davon ist Rainer Rihm von der Soundgarage in Leingarten, ein anderer Guido Behringer von Behringer Elelctric.

7 Gedanken zu „JBL 4435. Eigentlich

  1. JO

    Vielen Dank für den Bericht! Ich habe im Moment einen 2235H mit kaputter Sicke hier rumliegen und einen (tadellosen) 2205, der zum 2235H umgebaut werden soll.Der 2205 braucht sowieso eine neue Pappe, daher werde ich wohl beide jetzt reconen lassen, damit beide möglichst nah beieinander liegende Parameter haben.Ich kann die Professionalität der beiden oben genannten Adressen zur Chassis-Überarbeitung nur bejahen, jedoch kann JBL wohl das originale Recone-Kit C8R2235 für den 2235H derzeit nicht liefern. Dieser Zustand ist wohl schon seit Oktober so. Durch ein Telefonat mit einem anderen Unternehmen, dass sich auf Chassisaufarbeitung spezialisiert hat, erfuhr ich dass dieses Unternehmen lieber hochwertige Recone-Sets anderer Aftermarket-Hersteller verwendet. Die waren mit der Qualität der JBL Sets nicht so zufrieden. Da gab es wohl eine große Serienstreuung. JBL liefert den Konus komplett mit angeklebtem Spulenträger, was wohl in der Praxis nicht optimal ist.

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    1. hb Beitragsautor

      Sehr interessant. Die originalen C8R2235 gibt es nicht nur „im Moment nicht“, die gibt es seit Jahren überhaupt nicht mehr, weil JBL sie schlicht nicht mehr anbietet. In dubiosen Kellern vergrabene Restbestände erzielen regelmäßig absurde Höchstpreise.

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  2. hoschibill

    Das war ja was ;). Auch wenn wir erstmal wasteln mussten, war die Belohnung jede Mühe wert. So wie an dem Abend/Morgen habe ich Tool noch nie gehört. Und egal, wie laut es war, man hatte irgendwie immer das Verlangen, noch ’n Brikett nachzulegen. Was auch problemlos ging. Als der Putz so langsam anfing zu bröckeln, war noch keine nennenswerte Aktivität bei den vier Fuffzehnern wahr zu nehmen. Am Ende war es ein großartiges Wochenende mit lieben Freunden, guter Mucke, genossen über großartiges Equipment. Vielen Dank dafür :D.

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  3. Rafael

    Hi Holger,vielen Dank für den wie immer interessanten Artikel. Diese Erfahrungen kann ich nur bestätigen. Auch meine JBL´s sind alle gebraucht gekauft worden und bei allen waren die Tieftöner defekt oder total unfachmännisch repariert worden- unglaublich, wie manche „Experten“ pfuschen. Der größte Murks war eine gekürzte und zusammengeklebte 15″ Gummisicke für den 14″ Tieftöner der L 250. Die Haltbarkeit der verwendeten Sicken scheint übrigens unterschiedlich zu sein. Die LE 15a´s in meinen DD 44000 wurden noch von Harman/Kardon professionell reconed- einen der Tieftöner musste ich letztes Jahr wieder refoamen, der andere ist noch einwandfrei. Gleiches bei den Tieftönern der 4350: 3 Sicken völlig in Ordnung, eine fängt wieder an, zu zerbröseln. Vielleicht habe ich auch nur Pech.Liebe Grüße und danke für den guten Artikel,Rafael

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  4. Das Kaputte Radio

    Hi Holger.vielen Dank für diese 1A Homestory. Die Männers hatten Spaß und Falk nun etwas besseres Material – klasse. Das ich irgendwann auch mal wieder in den Norden muss war ABBA vorher schon klar :-)Liebe Grüße,Mathias

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