Sippo

Vier Zoll, Pappe, Blechkorb: der Sippo-Tieftöner

Der Tieftöner der Sippo ist ein Vierzöller des schon seit Jahren nicht mehr so richtig existenten italienischen Herstellers „Sipe“. Seit 1995 heißt der „ASK“ und scheint gar kein so kleiner Laden zu sein; das Geld wird wohl als international agierender Automobil-Zulieferer verdient. Unser Töner jedenfalls stammt noch von damals, verfügt über eine völlig unverdächtige Pappmembran, einen Blechkorb mit vier „Ohren“, in denen die Befestigungslöcher sitzen und kaum irgendwelche Auffälligkeiten. Zweifellos ein eher preiswerter Treiber. Ähnliches gilt für den Konushochtöner, den Surplus-Versender Pollin für nicht einmal zwei Euro pro Paar unters Volk streut: Vier Zentimeter Membrandurchmesser, auch hier schwingt Pappe, auch hier gibt’s einen eher wenig dekorativen Blechkorb mit Ohren.

Der Tieftöner arbeitet auf ein Gehäuse der nicht ganz so selbstverständlichen Art: Alex simulierte dem Tönerchen eine TQWT (Tapered Quarter Wave Tube) auf den Leib. Das ist so etwas Ähnliches wie eine Transmissionline, bei dem der Treiber jedoch nicht am Anfang der Line sitzt, sondern erst ungefähr nach einem Drittel der Lauflänge ins Spiel kommt. Passen Parameter und Gehäuse zusammen, kann man damit prima tiefe Töne mit brauchbarem Impulsverhalten realisieren. Der Sipe-Vierzöller mit seiner verhältnismäßig hohen Güte um 0,8 jedenfalls kommt in der einmal gefalteten Line offensichtlich bestens zurecht, das steht außer Frage.

Die Weiche der Sippo besteht aus einem klassischen Zwölf-Dezibel-Tiefpass für den Bass und einem etwas unorthodox beschalteten 18-Dezibel-Anschluss für den Hochtöner. Macht in Summe zwei Spulen, drei Kondensatoren und einen Widerstand. Die 1mH-Bassdrossel dürfte tatsächlich das teuerste Teil des ganzen Lautsprechers sein.

Uli hat den Hochtöner mit Entkopplung montiert

Gehäuse? Wenn man’s aufs Wesentliche reduziert: 14,7cm breit, 56cm hoch, 21,4cm tief – bei 16er Material. Mehr ist nicht wirklich sinnvoll. Man kann darüber nachdenken, die Box deutlich höher zu bauen, um den Hochtöner auf Ohrhöhe zu bekommen, aber ganz ehrlich: Man muss es nicht. Ich habe ein paar Wochen mit der kniehohen Sippo gelebt und nie den Wunsch verspürt, irgendetwas unter die Box zu stellen – eher im Gegenteil, aber davon später. Auch eine TQWT braucht eine Art von Schallaustritt, Alex hat ein rückseitig montiertes Bassreflexrohr dafür genommen, natürlich wieder eines von der preisgünstigen Sorte – irgendwas um 45 Cent bei Pollin. Fest steht, wenn man mehr als 30 Euro in dieses Projekt versenkt, dann riecht’s ganz schwer nach „High End“, und das gilt es unbedingt zu vermeiden – die Sippo lebt davon, dass sie so billig ist; teure Lautsprecher bauen kann jeder.

Die Sippo mit dem Klang + Ton-Cheap Trick 246 – das geht auf Augenhöhe

Ich weiß, ich weiß: So eine Konstruktion klanglich zu beurteilen ist eine gefährliche Sache. Das Ding kostet so unverschämt wenig Geld, das hat eigentlich von vornherein gewonnen. Stimmt schon, trotzdem habe ich mich bemüht, tatsächlich hinzuhören und auch mal gegen den einen oder anderen „richtigen“ Lautsprecher gegenzuhören. Und natürlich ist die Sippo weder das achte Weltwunder, noch der beste Lautsprecher der Welt, noch ein CT230-Schreck, noch der Lautsprecher, mit dem mich ich mich, wenn ich die Wahl hätte, auf die einsame Insel zurückziehen wollte. Obwohl… Die Frage, wieviel Lautsprecher der Mensch eigentlich braucht, ist eine legitime, und diese Box liefert eine durchaus schlüssige Antwort darauf. Gut, gucken wir erstmal, wie schnell dem Vierzöller die Puste ausgeht. Bestens geeignet dafür: der letzte Titel des Erstlings der Londoner Newcomer „The XX“, „Stars“. Tiefer, teils viersaitiger Bass, teils vollsynthetische Magentritte. Die Sippo – spielt das einfach. Sehr erstaunlich. Und zwar nicht als laues Lüftchen, sondern durchaus mit Differenzierung und Autorität. Mit Pegeln, die ich am späteren Abend meiner Nachbarschaft nicht mehr zumuten möchte – auch wenn ich nur eine Wand mit jener gemeinsam habe, und zwar von der richtig dicken und massiven Sorte. Meine Diablo macht das natürlich noch ein bisschen anders (10″ in gut 70 Liter, tief abgestimmt) und offenbart, wie die Sippo dieses Kunststück fertig bringt: Was an Bass nicht da ist, wird mit ein bisschen mehr Grundton kompensiert. Das ist nicht verwerflich und funktioniert in der Praxis ausgezeichnet. Im Bass muss sie sich vor dem 13er in CT246 nicht verstecken, im Gegenteil: Die TQWT mit dem Vierzöller spielt präziser und trockener als der Fünfzöller im Bassreflexgehäuse. In Sachen Maximalpegel hat der Visaton die Nase vorne, aber auch das ist kaum verwunderlich.

Die unkompliziertese Möglickeit, den Tiefton der Sippo nachhaltig zu kastrieren besteht darin, die Box auf normale Höhe – also mit dem Hochtöner auf Ohrhöhe zu platzieren. Ich hab‘ das probiert, in dem ich CT246 einfach als Unterbau genommen habe. Das geht schief. Der Druck ist weg, das Gefühl von Substanz beim Teufel. Das Maß, in dem der Hochton dabei an Frische zulegt ist so gering, dass es die Einbußen unten herum keinesfalls rechtfertigt – der Hochtöner hat einen solchen Nachbrenner auch nicht nötig. Klar, es gibt feiner zeichnende, sanftere und spektakulärere Tweeter, aber das braucht hier kein Mensch. Der Trick ist, dass sich der Billigkonus absolut bruchlos einfügt. Und genau das ist der Trick an der Sippo: Die Box ist von oben bis unten stimmig. Wenn ich von der Diablo auf den Billigheimer wechsle, dann habe ich etwa eine Minute lang das Gefühl, von einer sehr potenten Konstruktion zu einer zu kommen, die bei Weitem nicht so gut spielt, aber interessanterweise ist das bald weg: Spätestens nach einer Stunde höre ich mit der Sippo einfach nur Musik und vermisse praktisch nichts. Genau diese Stimmigkeit ist das, wovon die Sippo lebt: Nix Sensationelles an irgendeiner Stelle – das Ding spielt einfach.

Großes Kompliment, Alex; das ist eine äußerst reife und kluge Entwicklungsarbeit, die du da geleistet hast. Und wer jetzt immer noch nicht mit qualmenden Reifen zum nächsten Baumarkt heizt um eine kleine Attacke auf den Mann mit der großen Kreissäge zu reiten, dem ist echt nicht mehr zu helfen: Wenn es jemals eine Chance gab, endlich die Billigtröten von der Kompaktanlage gegen was Richtiges zu tauschen, dann jetzt. Und der Sprössling kriegt jetzt endlich ein paar gescheite Lautsprecher für seinen Rechner, damit er endlich mitbekommt, dass 128 Kilobit-MP3s das Hirn grillen und nix mit Musik zu tun haben. Über die Endstufe für nen Zehner, die er dann noch braucht, reden wir ein andermal.

Aber halt: Vor die Bauanleitung hat der Konstrukteur noch einen ganz kleinen Stolperstein gestellt: Die komplette Dokumentation zur Sippo gibt’s ausschließlich im DIY-HiFi-Forum, und da muss man sich anmelden und erst mal erzählen, wer man denn ist – kein Beinbruch, dauert zwei Minuten. Das ist übrigens eines der besseren Foren, in dem es in Zukunft sicherlich noch eine ganze Reihe spannender Projekte zu entdecken geben wird.

+++ the music +++
Wolfmother – Cosmic Egg
Format: MP3 – 320kb/s
Trentemoeller – The Last Resort
Format: Vinyl
The XX
Format: MP3 – 320kb/s
Massive Attack – Heligoland
Format: MP3 – 320kb/s
Cowboy Junkies – The Trinity session
Format: Vinyl

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